Presse

1. Begriffe und Bedeutungen

Erst ab dem 16. Jh. bezieht sich in Frankreich und Deutschland der aus dem Lateinischen abgeleitete Begriff P. auch auf die P. der Buchdrucker. In der Folgezeit wird der Begriff auf alle Produkte übertragen, die aus der Drucker-P. (= P. im wörtlichen Sinn) kommen. Seit Mitte des 18. Jh. verengt sich dann die Bedeutung auf die (gedruckten) Zeitungen und Zeitschriften. Sie wird im 19. Jh. üblich als Synonym für das ‚Zeitungswesen‘ (= P. im engeren Sinn). In Wortverbindungen allerdings wie ‚P.-Stelle‘, ‚P.-Sprecher‘, ‚P.-Agentur‘, ‚P.-Konferenz‘ u. ä. erweitert sich die Bedeutung ‚P.‘ auf Massenmedien überhaupt. Entstanden sind solche Bezeichnungen für publizistische Aktivitäten und Institutionen teils in den letzten Jahrzehnten des 19., teils in den ersten des 20. Jh., als die Medienwelt noch vollständig von der P. beherrscht wurde. Diese Benennungen werden bis heute ohne Differenzierung der einbezogenen, inzwischen neu aufgetretenen Medienarten beibehalten (z. B.: Bundespresseamt).

Der heutige Sprachgebrauch, der das Wort Zeitung mit einem Tag- oder Wochenblatt gleichsetzt, hat sich erst in neuerer Zeit eingebürgert. „Zeitung“ ist zuerst ein Lehnwort aus dem niederrheinischen Sprachgebiet: tîdinge oder zîdunge meint in seiner Urbedeutung ein Zeitereignis und sodann den Bericht oder die Kunde davon. „Zeitung“ hat historisch nicht zwingend mit P. zu tun. „Zeitungen“ konnten, wie bis ins 19. Jh. literarisch bezeugt, mündlich ausgetauscht, gesungen (Zeitungslieder), bildlich dargestellt (Bild-Zeitungen) oder handgeschrieben (Briefzeitungen) werden. Erst ab dem Beginn des 16. Jh. tauchen gedruckte Zeitungen in Gestalt sogenannter „Newer Zeytungen“ auf (Einblattdrucke) mit meist nur einer einzigen, oft sensationellen Nachricht. Wo dann die periodischen Nachrichtenblätter das Wort „Zeitung“ (oder auch im Plural „Zeitungen“) in Ankündigungen oder in Titeleien aufnehmen, zeigt es zunächst primär deren Inhalt, die publizierten Nachrichten, an; erst allmählich gewinnt das Wort seine Bedeutung als Bezeichnung für den Träger solcher Nachrichten, das gedruckte Blatt. Diese Doppelbedeutung ist bis zum Beginn des 19. Jh. tradiert. Dann erst setzt sich nach und nach „Zeitung“ als Synonym für ein Nachrichtenblatt durch. Wochen- und Tageszeitungen führen es von da an immer häufiger in ihren Titeln.

2. Die Druckerpresse und ihre Produkte

2.1 Geschichte

Voraussetzung für P. ist eine funktionierende Druckerei samt leistungsfähiger Drucktechnik. Die technische Entwicklung des Buchdrucks beginnt mit dem Blockdruck, der im 7. Jh. in China erfunden und in Korea vom 8. Jh. an zum Holztafeldruck weiter entwickelt wurde. Dabei werden Texte und Bilder spiegelverkehrt auf Holztafeln geschnitten, eingefärbt und auf den Bedruckstoff gerieben. In Europa sind solche Reibertechniken von Holztafeln und entsprechende Blockbücher erst aus dem Ende des 14. Jh. bekannt. Abgelöst wird dieses Verfahren durch die Handpresse und den Druck mit beweglichen Lettern, wie ihn Johannes Gutenberg um 1440 erfand und entwickelte. In Korea ist allerdings schon aus dem Jahr 1234 ein 50-bändiges Werk nachgewiesen, das mit metallenen Lettern gedruckt wurde. An der Gutenbergschen Drucktechnik änderte sich bis zum Beginn des 19. Jh. nichts Grundlegendes. 1812 erst konstruierten dann Friedrich Koenig und Andreas Friedrich Bauer die erste mit Dampfkraft betriebene Schnellpresse, die mit Druckzylindern arbeitete. Ende 1814 wurde als erste Zeitung die Londoner „Times“ auf einer Schnellpresse gefertigt. Um die Mitte des Jh. entstand schließlich die erste Rotationsmaschine. Voraussetzung und Folge dieser rasanten Modernisierung waren vielfältige Innovationen. Heute werden vornehmlich Rollenoffsetdruck, Tiefdruck und zunehmend Digitaldruck eingesetzt.

2.2 Druckindustrie

Die vielfache Substitution von Druckmedien durch das Internet sowie das gewandelte Kauf- und Leseverhalten der Bevölkerung haben das Druckgewerbe in eine Strukturkrise gestürzt. Symptome dafür sind neben dem Rückgang des Druckvolumens eine deutliche und anhaltende Verminderung der Druckereibetriebe sowie der Abbau von (Fach-)Arbeitsplätzen, der sich inzwischen tendenziell zu einem Fachkräftemangel umzukehren beginnt. Gleichwohl sprechen Struktur der Betriebsgrößen und Stagnation des Umsatzes für anhaltende Schrumpfung. Die klassischen P.-Produkte – Bücher, Zeitschriften und Zeitungen einschließlich Anzeigenblätter – machen nur mehr ein gutes Viertel des Produktionswertes aus.

2.3 Der Buchmarkt

Seit J. Gutenbergs Bibeldruck von 1455 ist das Buch Premium-Produkt der P. Es wurde für lange Zeit wichtigster Träger von Tradition, Kultur und Geistesleben. Mit den neuen Medien ist dem Buch ein langsames Ende prophezeit und seine Lektüre als alternde Kulturtechnik verkannt worden. Tatsächlich macht der Buchdruck nur mehr 7,5 % des Produktionswertes der Unternehmen aus, wie auch stetige – überschaubare – Schwundwerte den Buchmarkt kennzeichnen. Dennoch spielt das Buch immer noch eine respektable Rolle im Kultur- und Gesellschaftsgeschehen. 2016 wurden in Deutschland 85 486 Titel herausgegeben; 72 820 davon waren Erstauflagen, die größte Sachgruppe davon mit 33,2 % der Titel oder 31,5 % des Umsatzwertes war Belletristik und deutsche Literatur, gefolgt von Kinder- und Jugendbüchern mit 16,5 % Umsatzanteil, ein Segment mit Zuwachsraten. Danach folgen Ratgebertitel, Wissenschafts-, Schul- und Lehrbücher sowie schließlich Sach- und Reisebücher. Der Gesamtumsatz des Buchmarktes schwankt seit Jahren um 9 Mrd. Euro.

Fast 31 Mio. Bundesbürger sind Bücherkunden. Jeder von ihnen leistet sich durchschnittlich 12 Bücher pro Jahr. Bes. interessierte Leser sind Frauen, von denen 42 % täglich oder mehrmals wöchentlich zu einem Buch greifen, während nur 25 % der Männer das tun. Noch lesen 76 % der Deutschen Bücher lieber gedruckt als auf digitalen Geräten. Gleichwohl wird das Buch, das nicht mehr von der P. kommt, sondern digital angeboten, verbreitet und gelesen wird, in den kommenden Jahren stetig an Bedeutung gewinnen.

3. Das Zeitschriftenwesen

Nach J. Gutenberg vergingen mehr als eineinhalb Jahrhunderte, bis die erste Wochenzeitung aus der P. kam. Neben Büchern waren in dieser langen Zeit und v. a. im Anschluss an die Reformation zahllose Flugschriften, Einblattdrucke und Traktate gedruckt worden. Aber der kontinuierliche Austausch über aktuelle Ereignisse zwischen Kaufleuten, Gelehrten, Stadtverwaltungen und Potentaten der Zeit erfolgte bis dahin in einem engmaschigen, europaweiten Netzwerk geschriebener Zeitungen.

3.1 Geschichte des Zeitschriftenwesens

Erst rund zwei Menschenalter nach der gedruckten Zeitung traten die ersten Zeitschriften auf den Plan. Ihre Geschichte beginnt mit dem 1665 in Paris von Denys de Sallo herausgegebenen „Journal des Sçavans“, eine Zeitschrift von gelehrten Sachen, gestützt auf Sitzungsprotokolle einer Gelehrtenvereinigung. Diesem Muster folgten im gleichen Jahr Gelehrten-Zeitschriften in London, 1668 in Rom sowie 1670 in Leipzig die „Miscellanea curiosa medico-physica“ der Kaiserlich-Leopoldinischen-Carolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher. Gattungsprägend wurden die 1682 von Otto Mencke in Leipzig gegründeten „Acta eruditorum“. Latein signalisierte den Anspruch, mit der gesamten Gelehrtenrepublik in Austausch zu treten. Hatten die ersten Gelehrten-Zeitschriften polyhistorisch-naturwissenschaftlichen Charakter, so entwickelten sich erst im 18. Jh. mit der Ausgliederung der Fachwissenschaften auch deren spezialisierte Organe.

Auch die Geselligkeits- und Unterhaltungszeitschrift hat mit dem 1672 in Paris edierten „Mercure galant“ ihren Prototyp in Frankreich. In den „Monatsgesprächen“ des Christian Thomasius von 1688 finden sich Elemente dieses Typs erstmals in Deutschland. Eine fiktive „Gesellschaft der Müßigen“ übt sich darin in Zeitkritik: der Auftakt einer Aufklärungspublizistik (Aufklärung), in deren Richtung schon ältere historisch-politische Blätter wirkten. Bestimmend dafür wurden aber die „Moralischen Wochenschriften“. Ihren Ursprung hatten sie in England, wo sie teils reale, teils fiktive Kaffeehaus-Diskurse manifestierten. Eine Vielzahl von Titeln dieser Art kam meist kurzlebig mit kleinen Auflagen heraus. Sie sprachen die bürgerliche Gesellschaft und erstmals auch Frauen an. Im Hintergrund agierten häufig Sprachorden, Geheimbünde und Freimauerer-Orden (Freimaurer). Die zweite Hälfte des 18. Jh. ist die Blütezeit der Kunst-, Literatur-, Theater- und Rezensionszeitschriften, an denen nahezu alle großen Schriftsteller der Zeit mitwirkten. Nach den Befreiungskriegen hatten am Beginn des 19. Jh. patriotische Zeitschriften Konjunktur, im Vormärz die politischen und literarischen Zeitschriften des Jungen Deutschland sowie die parteipolitische, insb. die sozialistische und konfessionelle Zeitschriften-P. Zwei neue Gattungen prägen die Zeitschriften-Landschaft des 19. Jh.: zum einen die Illustrierten, die sich rasch zu Massenblättern entwickeln, so seit 1833 das „Pfennig-Magazin“, seit 1843 die Leipziger „Illustrierte Zeitung“ oder ab 1881 die „Berliner Illustrierte Zeitung“; zum anderen eine riesig anschwellende Zahl von spezialisierten Berufs- und Fachzeitschriften, vorangetrieben durch die Industrialisierung sowie durch die Spezialisierung in Technik, Handel und Handwerk. Erster Weltkrieg und Inflation dämpften im 20. Jh. die Entwicklung. Nachdem das NS-Regime die demokratischen Vereinigungen verbot oder gleichschaltete und ihre Organe vernichtete, ging die Zahl der Zeitschriften erheblich zurück. Von 1934 noch bestehenden mehr als 6 000 „politisch relevanten“ Titeln blieben 1944, auch bedingt durch Kriegsmaßnahmen, gerade noch etwa 450 übrig. Auch diese verschwanden 1945 nach der Kapitulation vollends. Erst mit der 1949 erfolgten „Generallizenz“ der Besatzungsmächte begann sich das Zeitschriftenwesen wieder zu normalisieren. Allerdings vermindert das Fernsehen die Bedeutung der Illustrierten. Seit Jahrzehnten breitet sich ein kleinteilig verästeltes Angebot an Special-Interest-Zeitschriften aus.

3.2 Struktur und Definition

Das Zeitschriftenwesen entwickelt sich nach dem Differenzierungsprinzip. Zeitschriften sind an die Interessenentwicklung und deren immer feiner ausgeprägten Differenzierungen und Spezialisierungen in Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft, Handel und Verkehr, kurz: in allen Lebensbereichen der Gesellschaft gebunden. Zeitschriften wirken als Organe des kommunikativen Austauschs für solche differenzierten Interessenkreise. Ihr Publikationsprinzip ist deshalb Spezialisierung. Auf Grund der gezielten Einschränkung seiner Angebote vermag dieses Massenmedium auch speziellsten Kommunikationsbedürfnissen Rechnung zu tragen. Zeitschriften hängen sich dazu teils an formale und informelle Interessenvereinigungen (Interessengruppen) an, teils gruppieren sich solche offenen Interessenvereinigungen erst um Zeitschriften, wenn diese mit ihrem Programm die Kernpunkte eines realen Interessenkreises in der Gesellschaft treffen, wie es insb. bei Publikumszeitschriften der Fall ist. Daher rührt die enge Verwandtschaft von Vereins- und Zeitschriftenwesen. Allgemein kann man mit gutem Grund in der Zeitschrift das Organ eines sachlich, räumlich, zeitlich, personell oder institutionell differenzierten Lebensbereichs, einer Sub- oder Sonderkultur im Rahmen des sozial-kulturell umfassenden Ganzen sehen.

Diese Orientierung an speziellen und speziellsten Kommunikationsinteressen bestimmt auffällige Strukturen des Zeitschriftenwesens. Es regeneriert sich in raschen Zyklen von Titelauftritten und Titelsterben gemäß der Vergänglichkeit der Interessen in der jeweiligen gesellschaftlichen Konstellation. Die Dynamik dieses Regenerationsprozesses zeigt sich an begründeten Schätzungen, nach denen z. B. seit dem Ende des 1. Weltkriegs bis zum Ende des 20. Jh. in Deutschland etwa 100 000 Titel erschienen sind. Zeitschriften sind alles in allem (relativ) kurzlebig. Ein weiteres zeitschriftentypisches Strukturmerkmal ist eine Folge des Regenerationsprozesses: Das Zeitschriftenwesen präsentiert sich insgesamt außerordentlich jugendlich. Nach einer Erhebung von nahezu 3 000 in Bayern erschienenen Zeitschriften 1991 waren 80 % unter 20 Jahre alt. Selbst bei den wissenschaftlichen Zeitschriften lagen 50 % der Titel unter 20 Erscheinungsjahren.

Bemühungen um eine Zeitschriftendefinition blieben unbefriedigend. Zielführender ist es daher, das Phänomen Zeitschrift zu beschreiben, wie es sich im Laufe seiner Entwicklung zeigt. Dann lässt sich festhalten: „Zeitschriften im engeren Sinn repräsentieren … die Binnenkommunikation spezieller Gesinnungs-, Interessen- oder Geselligkeitszirkel, formaler oder informeller ‚Vereinigungen‘, die sich die Zeitschrift als mittelbaren Kommunikationsraum zulegen oder die sich um einen solchen Kommunikationsraum, verknüpft lediglich durch das geistige Band gemeinsamer Interessen und Bedürfnisse, neu bilden“ (Starkulla 1993: 133; Hervorheb. i. O.).

3.3 Statistik und Status

Eine zuverlässige oder gar annähernd vollständige Erfassung des Zeitschriftenwesens gibt es zu keiner Zeit, objektiv abhängig vom unübersichtlichen Geflecht der kommunikativen Interessen. Von den Anfängen des deutschen Zeitschriftenwesens bis 1830 wies Joachim Kirchner mehr als 6 600 Titel nach. Zwischenzeitlich sind jedoch allein für Hamburg 600 weitere Titel für diesen Zeitraum ermittelt worden. Für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg registrierte die Deutsche Bücherei mehr als 20 000 Titel, während die Zeitschriftenkataloge für die gleiche Zeit nur etwa ein Drittel davon verzeichneten. Für die 70er Jahre des 20. Jh. gab der von privater Seite herausgegebene P.-Katalog rund 10 500 Zeitschriftentitel an, während der Zeitungswissenschaftler Heinz Starkulla sen. für die gleiche Zeit nahezu 13 000 Titel erhob, die ungefähr je zur Hälfte dem Funktionsbereich Fach, Beruf und Arbeit sowie dem gesellschaftlich-geselligen Interessenbereich zuzuordnen waren. Über quantitativen Umfang und Gliederung des gegenwärtigen Zeitschriftenwesen in Deutschland kann nur spekuliert werden, da Strukturanalysen seit Jahrzehnten nicht mehr unternommen worden sind, obwohl sie ein sehr genaues Bild der sozialen Interessenlandschaften und ihrer Verschiebungen liefern könnten. Inzwischen geht der Trend klar zu E-Papers, die künftig viele papierene Vereinigungs- und Vereinszeitschriften ersetzen werden, wie heute schon zahlreiche Fachzeitschriften.

4. Das Zeitungswesen – Geschichte

Im Unterschied zum Zeitschriftenwesen entwickelt sich das Zeitungswesen nach dem Integrationsprinzip. Die Zeitung greift nach und nach auf alle Lebensbereiche und Interessengebiete aus. Diesen prinzipiell universellen Inhalt bietet sie Jedermann an. Das Publikationsprinzip der Zeitung ist somit im doppelten Sinn Universalisierung.

4.1 Vorläufer

Die Reformation gab dem zeitgenössischen Nachrichtenverkehr mächtige Impulse. Allein in der ersten Hälfte des 16. Jh. erschienen etwa 10 000 Flugschriften und ebenso viele Einblattdrucke oder „Newe Zeytungen“ mit oft sensationellen Berichten, die von fliegenden Händlern auf Jahrmärkten an den gemeinen Mann gebracht wurden. V. a. aber war im 15. und 16. Jh. ein dichtes Netzwerk geschriebener Zeitungen in ganz Europa, insb. in vielen der über 300 deutschen Territorien, geknüpft worden, in das vornehmlich Kaufleute, Gelehrte, Magistrate und Fürsten eingebunden waren. Aus dem Netzwerk der Briefzeitungen entstand die gedruckte periodische Zeitung, nachdem auch alle anderen infrastrukturellen Bedingungen dafür gegeben waren: leistungsfähige Drucker-P., regelmäßige Postkurse, urbane Handelsmetropolen als Nachrichtenzentren.

4.2 Erste Zeitungen

Zwei Wochenzeitungen von 1609 sind die ersten bekannten Zeitungen der Welt: „Aviso“ in Wolfenbüttel und „Relation“ in Straßburg von Johann Carolus. Dieser hatte schon 1605 den Rat der Stadt um das Privileg ersucht, die bisher von ihm handschriftlich kopierten Zeitungen drucken zu dürfen, was aber abgelehnt wurde. Dass bereits ab 1605 eine periodische Zeitung in Druck gegangen sei, ist bislang bloße Spekulation. 1650 brachte Timotheus Ritzsch in Leipzig die „Einkommenden Zeitungen“ als erste Tageszeitung heraus – ein Sonderfall im 17. Jh. Im Allgemeinen steigerte sich die Erscheinungshäufigkeit auf zwei- bis viermal wöchentlich. Die vorwiegend politischen Nachrichten waren auf vier bis acht Quart-Seiten entspr. dem Posteingang aneinander gereiht und nur mit Datum und Herkunft der Korrespondenz versehen. Ende des 17. Jh. gab es 60 bis 70, gegen Ende des 18. Jh. über 200 Zeitungen in deutschen Ländern, mehr als im übrigen Europa zusammen. Dort waren Zeitungen teilweise erst Jahrzehnte später entstanden. Die ersten erschienen in den Spanischen Niederlanden (Belgien) 1620, in Frankreich 1631, in Italien 1643, in England 1665.

4.3 Modelle eines Forums

Wesentliche Neuerungen bei der technischen Produktion gab es im 17. und 18. Jh. nicht. Aber viele Zeitungen verbesserten entscheidend die Zeitungskultur. Exemplarisch dafür stehen drei berühmte Titel: der „Nordische Mercurius“, vermutlich ab 1661 in Hamburg herausgegeben von dem Advokaten Johann Georg Grefflinger; der 1712 zunächst in Schiffbeck begründete „Hollsteinische unpartheyische Corespondente“, der dann ab 1731 von dem Hamburger Drucker Georg Christian Grund mit dem neuen Titel „Hamburgischer unpartheyischer Correspondente“ übernommen wurde; schließlich die von Johann Friedrich Cotta Anfang 1798 in Tübingen herausgegebene „Neueste Weltkunde“, die nach einem Verbot im gleichen Jahr in Stuttgart als „Allgemeine Zeitung“ wieder erschien. Die beiden letzteren bestanden bis in die Weimarer Republik. Alle drei waren Pioniere der Stofferweiterung; sie begannen, den Stoff zu ordnen, führten Gliederungen, Rubriken und schließlich Ressorts zur Leserorientierung ein. V. a. aber hielten sich alle an die schon ältere Unparteilichkeitsmaxime in ihrer Berichterstattung und konkretisierten sie in Handwerksregeln: sorgfältige Quellenprüfung und Quellentransparenz, Beachtung und Darstellung aller Wissens- und Meinungspositionen, strikte Trennung von Nachricht und Kommentar, Bemühen um Neutralität samt Vermeidung subjektiver Interventionen, schließlich Sinntreue bei der Vermittlung von Aussagen und Meinungen Dritter. Das ist die journalistische Architektur für das Modell einer Zeitung, die Forum sozialer Kommunikation sein will und kann und die im Geiste der Aufklärung darauf setzt, dass der Leser selbst zur Beurteilung der berichteten Zeitereignisse fähig ist. Alle drei Zeitungen hatten damit in ihrer Zeit auch überragenden ökonomischen Erfolg.

4.4 Intelligenzblätter

Im 18. Jh. entstand mit den sogenannten Intelligenzblättern eine neue Zeitungsgattung, deren heutige Erscheinungsform Anzeigenblätter sind. 1630 hatte Théophraste Renaudot in Paris ein Intelligenz-Comptoir eröffnet, wo sich Dienstleistungen, Verkäufe und Beschäftigungen in Listen registrieren ließen, in die Jedermann gegen Gebühr Einsicht nehmen (= lat. intellegere) konnte. Ähnliche Einrichtungen gab es auch anderwärts, ab 1707 etwa in Wien. Die Listen wurden teilweise gedruckt und Zeitungen beigelegt. Zudem hatten Anzeigen an Bedeutung gewonnen. Insb. Preußen förderte das Anzeigenwesen durch den Intelligenzzwang, der 1727 verordnet und erst 1850 formell aufgehoben wurde: Anzeigen und alle Arten von Bekanntmachungen durften nur in Intelligenzblättern veröffentlicht werden, die von Behörden und bestimmten Berufsgruppen bezogen werden mussten. 1722 erschienen als erstes deutsches Intelligenzblatt die „Wöchentlichen Franckfurter Frag- und Anzeigungs-Nachrichten“. Bis zum Ende des 18. Jh. kamen rund 170 solcher Intelligenzblätter heraus, die sich später teils in lokale oder in politische Zeitungen verwandelten.

4.5 Gesinnungszeitungen und Generalanzeiger

Zwei neuartige Zeitungstypen beherrschten die P.-Landschaft das gesamte 19. Jh. bis zum Ende der Weimarer Republik: Gesinnungszeitung und Generalanzeiger. Schon während der Französischen Revolution entstanden Blätter, die von der referierenden Berichterstattung abrückten und auf Meinungspublizistik setzten. Johann Joseph Görres und sein (kurzlebiger) „Rheinischer Merkur“ wurden (teilweise bis heute) zum Ideal der Gesinnungspublizistik stilisiert. Trotz Zensur und Restriktionen entstanden schon im Vormärz erste Richtungszeitungen, die dann nach 1848 ihren Aufbruch erlebten; nach der Gewährung der P.-Freiheit 1874 gab es eine Flut von Neugründungen von Parteizeitungen, die im Ersten Weltkrieg und während der Inflationszeit zurückging, dann aber erneut anschwoll. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. traten nach amerikanischem und französischem Vorbild die Generalanzeiger auf den Plan. Sie setzten den Informationsjournalismus fort, deklarierten parteipolitische Neutralität, finanzierten sich mit Anzeigen und erreichten Massenauflagen. Marktbedeutung erlangten damit die Verlagshäuser Mosse, Scherl und Ullstein in Berlin. Das wuchernde Zeitungswesen erreichte 1932 nach unterschiedlichen Quellen zwischen 4 000 und 4 703 Titel, von denen rund die Hälfte Parteirichtungszeitungen oder Parteizeitungen mit Klein- und Kleinstauflagen waren.

4.6 Totalitäre Pressepolitik

Diese gewaltige Titelzahl schrumpfte bis Ende 1944 auf 977. In seinen ersten Jahren eliminierte das NS-Regime zahlreiche Zeitungen durch Verbote; später setzte es mit subtileren Druckmitteln Zwangsverkäufe und Fusionen durch; am Ende wurden kriegswirtschaftliche Gründe für Zeitungseinstellungen geltend gemacht. Von den verbliebenen Zeitungen waren 625 zwar in privatem Besitz, aber den P.-Anweisungen des Regimes sowie einer permanenten Kontrolle unterworfen. Mit den 352 zum NS-Pressetrust gehörenden parteiamtlichen und parteieigenen Blättern beherrschte das Nazi-Regime mehr als 82 % der Gesamtauflage aller noch erschienenen Zeitungen.

4.7 Die Lizenzpresse

Nach der Kapitulation wurden von den Besatzungsmächten alle deutschen Zeitungen verboten. Die Bevölkerung wurde durch Zonen-Zeitungen informiert. Gleichzeitig begannen schon im Frühsommer 1945 die Lizenzierungsverfahren für neue Blätter. Dabei waren die Strategien unterschiedlich. Die Amerikaner setzten auf überparteiliche Informationszeitungen, die Briten bevorzugten Parteirichtungszeitungen, die Franzosen entschieden sich für ein gemischtes System. Bis zur Verkündung der Generallizenz 1949 etablierten sich so insgesamt 137 Lizenzzeitungen mit zahlreichen Nebenausgaben in den Westzonen. Von den nach 1949 wiederbegründeten mehr als 700 Zeitungen der Altverleger konnten sich viele gegen die Lizenzzeitungen nicht mehr durchsetzen; nur ein rundes Dutzend erreichte eine Auflage von mehr als 20 000 Exemplaren. Auf dieser Basis entwickelten sich in den 60er Jahren des 20. Jh. die Prozesse der P.-Konzentration. Die Sowjets schufen mit der Lizenzpolitik in ihrer Zone die Grundlagen, um der Staatspartei SED ein Instrument zur politischen Leitung sozialer Prozesse in die Hand zu legen. Als 1949 die DDR gegründet wurde, gab es 40 Parteizeitungen, 16 davon für die SED, die restlichen für die Blockparteien. 60 % der Auflage entfielen auf die SED-P. Der Lizenzzwang, der seit 1949 von der SED-Führung ausgeübt worden war, wurde erst im Februar 1990 durch die neue Volkskammer aufgehoben. Die meisten der 39 damals zugelassenen Zeitungen erwarben westdeutsche Verlage. Gleichzeitig kam es nach der Wende zu mehr als 100 Neugründungen von Ausgaben lokaler Abonnementzeitungen, von denen jedoch nicht einmal jede zehnte überlebte.

5. Status und Strukturen

5.1 Zeitungsstatistik

Gegenwärtig erscheinen in Deutschland 327 Tageszeitungen: 312 regionale im Abonnement, sieben überregionale sowie acht im Straßenverkauf, darunter die 1952 gegründete „Bild“-Zeitung, die sich zum Prototyp deutscher Boulevardzeitungen entwickelte. Diese Zeitungen werden produziert von 120 Publizistischen Einheiten, Vollredaktionen, die einen eigenständigen (politischen) Zeitungsmantel gestalten, der unter mehreren Zeitungstiteln oder Ausgaben firmieren kann. Ihre Zahl gilt als Maßwert der Zeitungsvielfalt. 1955, als noch viele Altverleger mit kleinen und kleinsten Zeitungen tätig waren, gab es 225 Publizistische Einheiten. Die Pressekonzentration in der Folgezeit reduzierte sie auf 119, während sie nach der Wiedervereinigung kurzzeitig auf 158 anstiegen, um sich danach stetig auf den aktuellen Wert zu vermindern. Gegenüber diesen Schwankungen erweist sich die Zahl der Zeitungsausgaben mit 1 500 in 1955 und 1 497 gegenwärtig als robust. Dieses Angebot ergänzen sechs Sonntags- und 21 Wochenzeitungen. Erstere haben sich im Lauf der Jahrzehnte um einige wenige Titel vermehrt, letztere seit den 60er Jahren des 20. Jh. mehr als halbiert: In das Wochenformat hatte sich im Zuge der Lizenzpolitik die Gesinnungs-P. zurückgezogen, die indessen von den Lesern immer weniger goutiert worden ist.

5.2 Das Zeitungsunternehmen

Ursprünglich als Einmann-Betrieb etabliert, entwickelte sich die Zeitungsproduktion erst um die Wende zum 19. Jh. zu einem arbeitsteiligen Unternehmen. Vier tragende Funktionsbereiche organisieren bis heute ein Zeitungsunternehmen: der Verlag für die ökonomischen Grundlagen, die Redaktion für die journalistische Leistung, die Technik für die Herstellung der Zeitung sowie der Vertrieb für die Verbreitung des Produkts. Bis vor wenigen Jahrzehnten entfielen die größten Kosten auf die Herstellung; Digitalisierung brachte hier eine erhebliche Entlasung. Jedoch wurden diese Einsparungen zugleich durch massive Kostensteigerungen für Redaktion und Vertrieb aufgezehrt. Nach der bis in die 1980er Jahre gültigen Faustregel sollten zwei Drittel der Erlöse aus dem Anzeigengeschäft und ein Drittel aus dem Vetrieb kommen. Diese Relation hat sich umgekehrt: 2016 brachten Anzeigen nur noch 35,5 %, die Verkäufe 64,5 %. Sowohl die Kosten- wie die Erlösstrukturen wie auch die Bildung von redaktionellen Netzwerken sind Resultat eines Strukturwandels, angestoßen von Einbußen im Anzeigengeschäft, vom verstetigten Rückgang der (Print-)Auflagen sowie von den Folgen der Digitalisierung nicht nur im Zeitungsgewerbe, sondern in allen Geschäftsbereichen.

5.3 Verlagskonzentration

Die Tages-P. wird derzeit von 323 Verlagen herausgegeben nach mehr als 600 im Jahr 1955. Das Zeitungssterben betraf v. a. kleine Regionalverlage. Jedoch ist die regionale Zeitungslandschaft in Deutschland immer noch weitaus vielfältiger als etwa in Frankreich oder in England. Aufgrund von Aufkäufen, Fusionen und Kooperationen haben sich indessen Verlagsgruppen mit beachtlichen Auflagenanteilen am Zeitungsmarkt gebildet. Axel Springer-Verlag, Verlagsgruppe „Stuttgarter Zeitung“ und Funke Mediengruppe (vorm. „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“) vereinigen zusammen mehr als 30 % der Auflagen; kumuliert kommen die 10 größten Zeitungsverlage auf über 60 % Marktanteil. D. h., im restlichen Zeitungsverlagswesen steckt noch erhebliches Fusions- und Konzentrationspotenzial.

5.4 Redaktionelle Linien und Prestige

Obwohl sich der größte Teil der deutschen Tages-P. als überparteilich deklariert, lassen sich doch v. a. in den überregionalen Blättern (partei)politische Tendenzen ausmachen. Von den 60er Jahren an bis nahe an die Jahrtausendwende markierten vier Titel das politische Normalspektrum: links die „FR“, rechts die „Welt“; dazwischen „SZ“ und „FAZ“ mit moderaten mittleren Positionen. Da die „FR“ aufgrund mehrerer Verlagswechsel ihre überregionale Bedeutung verloren hat, wurde die Linke durch die Berliner „taz“ besetzt.

Die überregionalen Tagezeitungen „FAZ“, „Welt“ und „SZ“ zählen ebenso wie das „Handelsblatt“ und die Magazine „Spiegel“, „Stern“ und „Focus“ zu den sogenannten Prestigemedien. Diese dienen den Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Kultur, v. a. aber den Journalisten selbst als bevorzugte Informationsquellen. Außerdem werden diese Medien bes. häufig zitiert und fungieren so auch als Leitmedien der Berichterstattung. „FAZ“ und „SZ“ gehören neben der „New York Times“, der Londoner „Times“ oder „Le Monde“ zu den führenden Zeitungen der Welt.

6. Rationalisierungsprozesse

Nahezu 300 Jahre hindurch vollzog und verwirklichte sich ausschließlich in Gestalt der P. die Entwicklung eines Modus der sozialen Kommunikation, den man landläufig als „Massenkommunikation“ bezeichnet; ein kulturgeschichtlich singulärer Prozess, der sich ab der frühen Neuzeit nur in Europa zu einem funktionsfähigen Kommunikationssystem entfaltet hat. Frühere Ansätze dazu in der römischen Antike sowie in China ab dem 3. Jh. stagnierten beide Male in Formen kaiserlicher Verlautbarungsorgane.

6.1 Massenkommunikation

Folgt man der Kommunikationsgeschichte, ist Massenkommunikation die Lösung des Problems, wie zwischen den Kommunikationsinteressenten in der Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Wissens- und Meinungspositionen über alle räumlichen, sozialen oder sprachlichen Distanzen hinweg kommunikativer Austausch möglich wird. Die Lösung wird getragen von Rationalisierungsprozessen, die als mehrfache Konzentration der Vermittlung sozialer Kommunikation in Erscheinung treten. In P.-Unternehmen werden nach und nach sowohl die technischen wie die redaktionellen Vermittlungsfunktionen konzentriert. Nachrichtenarbeit konzentriert sich bei den Journalisten. Diese konzentrieren gesellschaftliche Kommunikation auf die Mitteilungen von Repräsentanten der verschiedenen Gesprächspositionen und transformieren deren Originalbotschaften in mediengerechte Berichtformen, die als Kommunikationskonzentrate für Rezipienten so erst als orientierender Überblick über Zeitgeschehen und Zeitgenossenschaft erfassbar werden. Sofern solche Kommunikationsvermittlung der seit dem Beginn des 17. Jh. sich immer mehr verfestigten Unparteilichkeits-Maxime folgt, gewinnt das Medium ab der Mitte des 18. Jh. die Funktion eines Forums, prototypisch die „Neueste Weltkunde“ des Verlegers J. F. Cotta von 1798. Idee und Ideal eines Forums werden allerdings immer nur annähernd erreicht.

6.2 Pressekonzentration

Konzentrationsprozesse sind der Massenkommunikation eingeschrieben. Daher sind sie entwicklungsbedingt unvermeidbar. Zu unterscheiden sind systemimmanente und systemfremde Auslöser. Bei letzteren handelt es sich stets um politische Eingriffe mit Verboten, Gleichschaltungen oder Zwangsfusionen, wie sich beispielhaft am nationalsozialistischen Regime zeigt: Zwischen 1932 und 1937 gingen die Zeitungstitel im deutschen Reich von 4 275 auf 2 421 zurück. Jede politisch bedingte Zeitungskonzentration folgt der Maxime, dass eine propagandistische Massenführung (Propaganda) mit einer Unzahl selbständiger, kleiner Zeitungen nicht möglich ist, sondern einer wirtschaftlich gefestigten P. bedarf. Dies gilt, wenngleich unter anderen Vorzeichen, auch für die Lizenzpolitik der Besatzungsmächte nach dem Zweiten Weltkrieg, an deren Ende gerade noch 137 Zeitungen eine Konzentration von zuvor noch nie dagewesenem Ausmaß markieren.

Systemimmanente P.-Konzentrationen sind dagegen stets unmittelbar oder mittelbar ökonomisch verursacht. So verringerten sich die Titel in der Inflationszeit der 1920er Jahre in dem bis dahin aufgeblähten Zeitungswesen gewaltig. Kleine Zeitungen hatten den Zwängen des technischen und publizistischen Fortschritts nichts entgegenzusetzen. Alle Indizien sprechen dafür, dass auch die P.-Konzentration ab der Mitte der 1950er Jahre von wirtschaftlichen Faktoren ausgelöst und vorangetrieben wurde. Nur die technisch und publizistisch bestgerüsteten Verlage konnten den Modernisierungszwängen sowie dem intermediären Wettbewerb mit dem Fernsehen gerecht werden.

Begleitet werden systemimmanente P.-Konzentrationen regelmäßig vom Postulat, die gefährdete publizistische Vielfalt mit allen Mitteln zu wahren. Diese „Kiosk-These“ ist indessen eher ideologisch aufgeladen als sachlich begründet. Dahinter steht die Annahme, dass nur durch eine Vielfalt der Blätter, also einen sogenannten „Außenpluralismus“, die Vielfalt der Positionen in einer pluralistischen Gesellschaft Ausdruck finde. Eine solche Vielfalt aber wäre für den Bürger wertlos, der sich in seiner Zeitgenossenschaft orientieren will und muß. Er müsste Dutzende von Zeitungen lesen, um zureichend informiert zu sein. Nicht um die Vielfalt der Zeitungen geht es, sondern um die Vielfalt in der Zeitung, um „Binnenpluralismus“, durch den allein der Forumscharakter eines Blattes gewährleistet ist. Dieser aber wird durch P.-Konzentration nicht notwendig tangiert.

6.3 Nachrichtenagenturen

Kaum je beachtet ist im Hintergrund eine weitere, Vielfalt gründlich relativierende Konzentration massiv wirksam: die der Nachrichtenquellen. Die Publizistischen Einheiten können für Welt-, Europa- und Deutschlandnachrichten aus maximal drei Nachrichtenagenturen schöpfen, von einigen wenigen P.-Großunternehmen abgesehen, die eigene Korrespondentennetze in wichtigen Nachrichtenmetropolen unterhalten. Die meisten Redaktionen sind auf die Dienste der dpa abonniert, die ihrerseits seit 2013 im deutschen Verbreitungsgebiet mit der amerikanischen ap kooperiert und exklusiv deren Dienste vermarktet. Die dpa entstand 1949 aus dem Zusammenschluss der Nachrichtenagenturen in den drei westlichen Besatzungszonen. Sie ist genossenschaftlich organisiert und berichtet mit rund 1 300 Mitarbeitern aus 200 Ländern der Welt. Ergänzend sind mit deutlich kleineren Anteilen auf dem deutschen Medienmarkt zwei Weltagenturen etabliert, die zudem zu den frühesten Unternehmungen zählen: die französische AFP, die über 200 Büros in 151 Ländern der Welt unterhält, sowie bei ähnlicher Größenordnung die britische Agentur Reuters. Neben diesen Universalagenturen bieten Spezialagenturen thematische Schwerpunkte an: Finanz- und Wirtschaftsnachrichten die Vereinigten Wirtschaftsdienste (vwd); Informationen über alle Sportereignisse der Sport-Informations-Dienst (sid), eine 100prozentige Tochter von AFP; Nachrichten aus der katholischen Welt die KNA; Nachrichten aus der evangelischen Kirche der epd.

Die Entwicklung der Nachrichtenagenturen ist von Anfang an ein fortlaufender Konzentrationsprozess. Ursprünglich musste jede Zeitung ihren Stoff selbst beschaffen. Man druckte andernorts Publiziertes nach und knüpfte womöglich ein eigenes Korrespondentennetz. Aus diesem Korrespondenzwesen entstanden schon im 18. Jh. einzelne Korrespondenzbüros, die möglichst viele Abnehmer belieferten. Ihren Aufschwung nahmen Nachrichtenagenturen jedoch erst, nachdem um die Mitte des 19. Jh. die Telegraphen zur allgemeinen Nutzung freigegeben wurden. Z. B. nahm im Deutschen Reich Wolffs Telegraphisches Bureau als große Agentur die Arbeit auf. 1870 schlossen Havas, Reuters, ap und Wolffs Bureau einen ersten Kartellvertrag, in dem sie die Nachrichtenbeschaffung weltweit unter sich aufteilten und untereinander Austausch vereinbarten, wie auch die rund 180 überwiegend nationalen Nachrichtenagenturen heute. Ihre Aufgabe ist es, Nachrichten zu sammeln, mediengerecht aufzubereiten und zu verbreiten. Da sie eine Vielzahl ganz unterschiedlich orientierter Kunden beliefern wollen, erfüllen unabhängige Agenturen diese Aufgabe schon im eigenen Interesse nach den Regeln der Zuverlässigkeit und der Unparteilichkeit, im Gegensatz zu Staatsagenturen, die staatliche oder parteiliche Informationspolitik zu betreiben haben. Am deutlichsten repräsentiert diesen Typ gegenwärtig die chinesische Agentur Xinhua.

6.4 Reaktionen der Kommunikationsinteressenten

Die für Massenkommunikation gefundene Forums-Lösung wurde um die Wende vom 18. zum 19. Jh. zunächst durch die sogenannte Persönlichkeits-P. und sodann das ganze Jh. über bis in die Weimarer Republik durch eine völlig auswuchernde Partei-P. konterkariert. Meinungspositionen, Gruppen, auch Institutionen, die über keine eigene Zeitung verfügten, hatten keine oder kaum eine Chance, ihre Interessen öffentlich vernehmbar zu machen. Um ihre Artikulationschancen wieder zu gewinnen oder zu verbessern, rationalisierten die derart Benachteiligten ihr Kommunikationsverhalten: sie passten sich den Bedingungen der P.-Situation an. Dafür entwickelten oder optimierten sie drei Strategien:

a) Anzeigen: Damit kauft der Kommunikationsinteressent Druckraum für seine authentische Mitteilung. Dafür erwirbt er technische Vermittlungsleistungen, insb. aber die Publikationskraft der Zeitung. Das Muster war vorgegeben durch die – oft als Seitenfüller platzierten – Eigenanzeigen der Zeitungsdrucker, die so schon im 17. Jh. ihre Bücher und die Handelswaren ihrer Nebengeschäfte anboten. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. nahm das Anzeigenwesen gewaltigen Aufschwung. Anzeigen wurden zunehmend auffällig gestaltet, um Aufmerksamkeit zu wecken. Für die komplizierter werdende Mediaplanung und für die Anzeigengestaltung boten Annocenexpeditionen den Inserenten ihre Fachdienste an. Diese haben sich bis in die Gegenwart mit immer spezielleren Tätigkeitsprofilen zu Werbeagenturen gewandelt. Ergänzt wird ihr Angebot durch presseeigene Anzeigenabteilungen. Mit deutlich erweiterten Funktionsbereichen hat sich die Werbewirtschaft als bedeutender Wirtschaftsfaktor etabliert. Die über 20 000 in Deutschland tätigen Werbeagenturen beschäftigen mehr als eine Viertelmillion Fachkräfte. Trotz des permanent rückläufigen Anzeigenaufkommens kann die P., Zeitschriften und Anzeigenblätter eingeschlossen, immer noch mehr als ein Drittel der Werbeaufwendungen in Deutschland verbuchen.

b) P.- oder Öffentlichkeitsarbeit: Als höchst effektiv für die Optimierung von Artikulationschancen erweist sich bis in die Gegenwart die P.- oder Öffentlichkeitsarbeit. Dabei übernimmt der Kommunikationsinteressent in Eigenregie einen Teil der journalistischen Vermittlungsarbeit, indem er seine Mitteilung medien- und publikationsgerecht in Form bringt und sie den Redaktionen anbietet. Dieses Kernstück wird ergänzt durch Kontaktpflege, P.-Konferenzen u. a. Hunderte von „lithographierten Korrespondenzen“ überschwemmten die Redaktionen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. P.-Arbeit erfordert Professionalisierung sowie die Einrichtung von P.-Stellen. Regierungen, staatliche Behörden, Wirtschaftsunternehmen, kirchliche Einrichtungen, Kommunen u. a. etablierten solche Stellen ab der Mitte des 19. Jh. Ihnen folgten in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. Vereinigungen, Verbände, kulturelle Institutionen u. v. a. Nach dem Zweiten Weltkrieg bürgerte sich für Öffentlichkeitsarbeit und ihr erweitertes Instrumentarium der Begriff PR ein. Das Berufsfeld ist heute ein eigenständiger, auch akademischer Ausbildungssektor.

c) Alternativ-P.: Wählen Kommunikationsinteressenten die Möglichkeit der „Alternativ-P.“, um Informationsdefizite der autonomen P.-Organe auszugleichen, so erfordert das von ihnen, alle journalistisch-redaktionellen und technischen Vermittlungsleistungen selbst zu erbringen oder in Eigenregie erbringen zu lassen. I. d. R. führt das zur Darstellung der Binnenkommunikation einer Gruppe; die häufig erstrebte „Gegenöffentlichkeit“ erstreckt sich lediglich auf die Öffentlichkeit der Gleichgesinnten. Bevor Computer-Software semiprofessionelle Gestaltung solcher Alternativ-P. möglich machte, war sie häufig durch einfachste, amateurhafte formale und inhaltliche Gestaltung kenntlich. Die einzig bekannte, breit angelegte Erfassung dieser Alternativ-P. (deren Wurzeln bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. zurückreichen) konnte Anfang der 80er Jahre des 20. Jh. in der damaligen BRD mehr als 30 000 Titel nachweisen.

Anzeige, Öffentlichkeitsarbeit und Alternativ-P., sind nach Struktur und Gestalt genuines Ergebnis von Folgeprozessen der P.-Entwicklung zur Massenkommunikation und von dieser nicht ablösbar.

7. Nutzer und Nutzen der Zeitung

Historisch hatte die Zeitung von Anfang an Erfolg. Sie konnte ihre Reichweite kontinuierlich erweitern.

7.1 Gemeinschaftslektüre

Zeitungslesen vollzog sich von Beginn an bis tief ins 19. Jh. als Gemeinschaftslektüre in verschiedenen Formen: Abonnementgemeinschaften, Umlaufgemeinschaften, v. a. aber Vorlesegruppen und -gesellschaften. Auch der Analphabetismus bremste den Aufstieg der Zeitung nicht. Unter den versammelten Interessenten fand sich immer jemand, der ausreichend lesen konnte. Das Publikum umfasste Höfe und Stadtmagistrate ebenso wie Bauern und Dienstboten. Gemeinschaftslektüre brachte es mit sich, dass den Inhalt eines Zeitungsexemplars i. d. R. ein Dutzend oder mehr Personen miteinander teilten. Neuere Forschungen belegen, dass gegen Ende des 18. Jh. in den deutschen Ländern nahezu 200 Zeitungen mit einer Gesamtauflage von 250 000 bis 300 000 Exemplaren zwischen drei bis vier Mio. Menschen erreichten. Schon damals nahm nahezu jeder zweite erwachsene männliche Deutsche eine Zeitung zur Kenntnis. Für Frauen schickte sich die Lektüre politischer Zeitungen noch nicht, was sich erst mit dem Angebot der Generalanzeiger in der zweiten Hälfte des 19. Jh. änderte. Im Gegensatz dazu haben Zeitschriften ihrer je begrenzten Programme wegen derartige Reichweite nie gewinnen können. Die Zeitung dagegen wurde Lektüre der Allgemeinheit und ist es geblieben.

7.2 Gegenwärtiger Stand

Trotz des massiv erweiterten Medienangebots liest die absolute Mehrheit der deutschen Bevölkerung quer durch alle Schichten regelmäßig Zeitungen. Die relevanten Daten werden kontinuierlich von der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) erhoben, die 1949 von Verlagen in Zusammenarbeit mit dem Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft gegründet wurde. Für Printmedien ist die Mitgliedschaft bei der Informationsgemeinschaft Voraussetzung, um an Medien-, Reichweiten- und Leseranalysen teilnehmen zu können. Nach deren Befunden greifen rund 44 Mio. Frauen und Männer zu den klassischen Print-Ausgaben einer oder mehrerer Tageszeitungen (Stand 2017). Frauen bevorzugen eher regionale Abonnementzeitungen, Männer Boulevardblätter und überregionale Abonnementzeitungen. Zeitungen kommen in Deutschland immer noch auf Reichweiten von nahezu 62 % der Bevölkerung. Damit behauptet Deutschland nach der Schweiz, Österreich und Schweden einen Spitzenplatz unter 25 europäischen Ländern. In der unteren Hälfte dieses Rankings rangieren die meisten südeuropäischen Länder sowie die Länder des früheren Ostblocks mit Reichweiten um 30 % der Bevölkerung oder (wie in Russland mit 8 %) noch weit darunter. Die Gesamt-Nettoreichweite der deutschen P. indessen erhöht sich auf 60 Mio. Leser, rechnet man die regelmäßigen Nutzer der digitalen Zeitungsangebote hinzu. Bes. hoch ist der Zugewinn in der Altersgruppe zwischen 14 und 29 Jahren. Zusätzlich zu den rund 6 Mio. jungen Print-Lesern nutzen über 12 Mio. die Zeitung regelmäßig über diverse digitale Kanäle wie E-Paper, Online-Ausgaben, Mobile-Angebote oder über Smartphone- und Tablet-App. Die ursprünglichen P.-Zeitungen sind so crossmediale Marken geworden.

7.3 Vom Nutzen

Von Anfang an verdankte sich der Erfolg der Zeitung dem Bedürfnis der Zeitgenossen, kontinuierlich über das Welt- und Zeitgeschehen informiert zu werden. Im Nebeneffekt fungierte die Nachrichten-P. nahezu zwei Jahrhunderte lang als Instrument der Erwachsenenbildung sowie als Lehrmittel in allen Schularten bis zu den Universitäten. Weil die (Abonnement-)Zeitung bis heute orientierende Überblicke über alle Lebensbereiche bietet, das Spektrum der gesellschaftlichen Meinungspositionen sichtbar macht und für jedermann zugänglich ist, ist sie ein Medium der „unerlässlichen Grundversorgung“ der Gesellschaft mit Informationen (BVerfGE 73,118 i. V. m. 35,202).

8. Ethos und Freiheit der Presse

Um einen solchen Grundversorgungsauftrag erfüllen zu können, muss die Berichterstattung zuverlässig und die P. frei sein.

8.1 Das journalistische Ethos

Wie jeder Nachrichtenempfänger, so erwartet auch der Zeitungsleser seit je, dass „stimmt“, was er zu lesen bekommt. Für diese Zuverlässigkeit wurden aus der Praxis selbst eine Reihe konkreter Arbeitsregeln entwickelt: Sorgfältige Quellenprüfung und Quellentransparenz, Beachtung und Darstellung aller Wissens- und Meinungspositionen, strikte Trennung von Nachricht und Kommentar, Bemühen um Neutralität samt Vermeidung subjektiver Interventionen, schließlich Sinntreue bei der Vermittlung von Aussagen und Meinungen Dritter. Unparteilichkeit macht samt den Regeln zu ihrer Realisierung das Ethos des Journalisten aus; es begründet dessen Professionalität, und es gewährleistet die informationelle Grundversorgung des Bürgers. Zweieinhalb Jahrhunderte war dieses Ethos maßgebend für die Nachrichtenzeitungen. Dann wurde es von der Meinungspublizistik der Partei- und Gesinnungs-P. überwuchert, aber nie ganz verdrängt. Es überdauerte näherungsweise in den Generalanzeigern und in vielen Heimatzeitungen. Für die spätere Lizenz-P. forderten insb. die Amerikaner das Ethos der Unparteilichkeit nachdrücklich ein.

8.2 Pressekodex und Presserat

Einige dieser Unparteilichkeitsregeln, wie Neutralität, Quellenprüfung oder Sinntreue, sind auch im sogenannten P.-Kodex verankert. Dieser wurde 1973 vom deutschen P.-Rat erarbeitet und veröffentlicht. Er enthält 16 Grundsatz-Artikel, die Maßstäbe für Berichterstattung und journalistisches Verhalten festlegen. Sie sind mit den Jahren um eine Vielzahl fallbezogener Richtlinien ergänzt worden. Der P.-Rat selbst war schon 1956 von den Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern zusammen mit den beiden Journalistenverbänden nach dem Vorbild des britischen Press Council gegründet worden, um ein geplantes Bundespressegesetz zu verhindern. Das paritätisch besetzte 28-köpfige Plenum des P.-Rats bestimmt die Mitglieder von drei Beschwerdeausschüssen. Diese entscheiden über weit mehr als 2 000 Beschwerden pro Jahr, die von Jedermann gegen journalistische Regelverstöße eingereicht werden können und sich zunehmend auch gegen Online-Auftritte richten. Nur für P.-Produkte ist der P.-Rat zuständig. Die P.-Ausschüsse können solche Beschwerden mit „Hinweisen“ an die betroffenen Redaktionen, mit nicht-öffentlichen „Missbilligungen“ oder, als härteste Sanktion, mit „Rügen“ ahnden. Tatsächlich führen nur ein bis zwei Prozent aller Beschwerden zu solchen Rügen, auf deren Abdruck sich 1985 die beteiligten Verlage in einer Selbstverpflichtung verständigt haben. Zuvor hatte der P.-Rat von 1981 bis 1985 seine Arbeit eingestellt, nachdem sich der Verlag einer Boulevardzeitung geweigert hatte, eine Rüge abzudrucken. Der P.-Rat ist mithin ein reines Organ der Selbstkontrolle der P. im Unterschied etwa zum P.-Rat in der Schweiz, an dem auch Publikumsvertreter beteiligt sind, die keinen Medienberuf ausüben, und der zudem Kontrollbefugnisse für alle Medien, auch Radio, Fernsehen und Internet hat. Ob der deutsche P.-Rat seinem Anspruch, das Ansehen der P. und des Journalismus zu fördern, gerecht wird, ist umstritten. Da selbst öffentliche Rügen bei schwerwiegenden Verstößen kaum weitere Konsequenzen haben, halten Kritiker den P.-Rat für einen „zahnlosen Tiger“. Für den P.-Rat selbst ist das Bemühen um „sauberen“ Journalismus Teil der selbstgestellten Aufgabe, für die P.-Freiheit einzutreten.

8.3 Pressefreiheit und Demokratie

Meinungsfreiheit und P.-Freiheit sind in Art. 5 GG gewährleistet. Beide sind unmittelbar aufeinander bezogen. P.-Freiheit nämlich begründet kein Privileg der P. oder anderer Medien oder der Journalisten auf Verbreitung oder Durchsetzung ihrer je eigenen Meinungen und Interessen. Sie konstituiert erst recht keine „Vierte Gewalt“ im Staat, wie immer wieder irreführend behauptet wird. P.-Freiheit ist vielmehr erforderlich, um der Meinungsfreiheit aller in der Gesellschaft eine Chance zu geben. P.-Freiheit ist eine dienende Freiheit. Das BVerfG hat konkretisiert: P., Hörfunk und Fernsehen seien unentbehrliche Massenkommunikationsmittel; denn „[s]ie ermöglichen die öffentliche Diskussion und halten sie in Gang, indem sie Kenntnis von den verschiedenen Meinungen vermitteln, dem Einzelnen und den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen Gelegenheit geben, meinungsbildend zu wirken, und sie stellen selbst einen entscheidenden Faktor in dem permanenten Prozess der öffentlichen Meinungs- und Willensbildung dar“ (BVerfGE 35,202). Primär als Medium und sodann als Faktor erfüllt die P. eine „essentielle Funktion“ für die demokratische Ordnung, weil sie die Verbindung zwischen dem Volk und den Staatsorganen herstellt und die Integration der Gemeinschaft in allen Lebensbereichen permanent ermöglicht (BVerfGE 73,118 i. V. m. 35,202). Das heißt: Ohne Meinungsfreiheit, besser: ohne Kommunikationsfreiheit, gibt es keine funktionierende Demokratie. Aber auch: Ohne P.-Freiheit lässt sich die Kommunikationsfreiheit der Bürger in einer Demokratie nicht realisieren.

8.4 Pressefreiheit weltweit

Den Zusammenhang von Demokratie und P.-Freiheit demonstriert eingängig die „Rangliste der Pressefreiheit“ für 180 Staaten der Welt, die von der Organisation Reporter ohne Grenzen aufgrund eigener Erhebungen jährlich veröffentlicht wird. Alle Arten von Einschränkungen der P.-Freiheit oder Angriffe auf sie, von welcher Seite auch immer, fließen in ein System von Malus-Punkten. An der Spitze der Rangliste 2018 stehen mit den wenigsten Beanstandungen die nordeuropäischen Demokratien Norwegen, Schweden, Niederlande und Island zusammen mit der Schweiz. Deutschland liegt im guten Mittelfeld der EU-Staaten derzeit auf Rangplatz 15, den Malus-Punkten nach in Nachbarschaft mit Belgien, Österreich, Estland, Portugal, Irland und Luxemburg. Für die Bewertung der deutschen Situation wurden Einschüchterungen von Journalisten, Überwachung von sozialen Medien (Social Media), Defizite beim Zugang zu Behördeninformationen, Auskunftsverweigerungen durch Parteien und Kommunen sowie schrumpfende P.-Vielfalt registriert. Mit wesentlich schlechteren Werten präsentieren sich die sogenannten Mutterländer der P.-Freiheit deutlich hinter Deutschland: Großbritannien auf Rangplatz 40 und die USA auf 45. Auch fragile Demokratien lassen sich in dieser Rangliste unschwer identifizieren: Polen 58, Ungarn 73, Israel 87 oder Indien 138. Die meisten autoritär oder diktatorisch regierten Staaten Afrikas und Südamerikas rangieren in der zweiten Hälfte oder im letzen Drittel. Die Schlusslichter des Rankings markieren China 176, Syrien 177, Turkmenistan 178, Eritrea 179 und Nordkorea 180. In totalitären Staaten ist die P. eben nur dazu „frei“, zu verlautbaren, was ihr das Regime diktiert. Das Volk hat in den Medien seine Stimme verloren.

9. Die Zukunft der Presse

Sicher ist, dass das Zeitalter der P.-Dominanz zu Ende geht. Es dauerte mehr als ein halbes Jahrtausend. Es prägte nicht nur die abendländische Kultur. Aber alles, was aus der P. kommt, das Buch, die Zeitschrift und auch die Zeitung, sucht zunehmend den Weg in die Öffentlichkeit über andere Kanäle, die sich erst seit wenigen Jahrzehnten eröffnet haben. Die Produkte der P. werden ihrer Quantität nach möglicherweise beschleunigt schrumpfen. Aber es werden Nischen bleiben für das Buch in der Hand und auch für die Zeitung auf Papier; denn sie haben Anmutungs- und Nutzerqualitäten, denen die digitalen Produkte nicht entsprechen können, ganz abgesehen davon, das sich das Papier, das aus der Druckerpresse kommt, als ein relativ robuster Informations- und Wissensspeicher bewährt hat, was sich bei den digitalen Speichern erst noch zeigen muss.

Bleiben aber wird die große Kulturleistung der P. im Allgemeinen und der P.-Zeitung im besonderen, die in ihrer Gestalt einen Modus sozialer Kommunikation (fälschlich „Massenkommunikation“ genannt) durch Journalismus entwickelt hat, der eine repräsentative Konzentration dieser gesellschaftlichen Kommunikation als Voraussetzung für eine zuverlässige Welt- und Gesellschaftsorientierung und damit für die informationelle Grundversorgung jedes Zeitgenossen ermöglicht. Ein solcher Journalismus, mit der P. gewachsen und gefestigt, fundamentiert buchstäblich die Kommunikationskultur des Gemeinwesens und damit das Gemeinwesen selbst, die Gesellschaft ebenso wie den Staat. Auf diese Kulturleistung kann auch in Zukunft nicht verzichtet werden, umso weniger, als sie sich den Segmentierungstendenzen der neuen Kommunikationstechnologien wirksam entgegenzustellen vermag. Dies ist das Vermächtnis des P.-Zeitalters für das kommende digitale Zeitalter, gleichgültig in welcher Gestalt dann die Zeitung erscheint.