Politische Romantik

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1. Zum Problemfeld

Der Zeitraum, in dem sich das Denken der Romantik (vom späten 18. Jh. bis zur Mitte des 19. Jh.) entfaltete, war geprägt von fundamentalen Umbrüchen und vielfältigen Veränderungen: ökonomisch wie politisch, gesellschaftlich wie geistesgeschichtlich. Obschon die Romantik im Allgemeinen – und die p. R. im Besonderen – ein gesamteuropäisches Phänomen darstellt, scheint es nicht ungerechtfertigt, mit Rüdiger Safranski von einer „deutschen Affäre“ (Safranski 2015) zu sprechen, da sich dort zentrale Grundmotive romantischen Denkens überhaupt identifizieren lassen. Als Hauptvertreter der p.n R. im deutschen Sprachraum lassen sich u. a. Karl Wilhelm Friedrich Schlegel, Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (Novalis), Joseph Görres und Adam Heinrich Müller benennen. Die p. R. ist dabei weder in europäischer Perspektive noch im nationalen Rahmen als kohärentes Konzept oder als einheitliche Bewegung zu sehen. Vielmehr sind in zweifacher Weise Unterschiede zu konstatieren: zum einen zwischen den Autoren, zum anderen aber auch in den Werkphasen innerhalb der Schriften ihrer Vertreter. Die Bandbreite der politischen Positionen (von identitär-demokratischen bis zu monarchistisch-restaurativen, von nationalen zu universalistischen Vorstellungen) lässt sich zurückführen auf die grundsätzliche Tätigkeit des Romantikers, die Novalis eindrucksvoll beschrieben hat: „Die Welt muss romantisirt werden. So findet man den urspr[ünglichen] Sinn wieder. Romantisiren ist nichts, als eine qualit[ative] Potenzirung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identificirt. So wie wir selbst eine solche qualit[ative] Potenzenreihe sind. Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnißvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe so romantisire ich es“ (Novalis 1978: 334). Der Versuch der „qualitativen Potenzierung“ kann zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Auch der „hohe Sinn“ oder das „geheimnisvolle Ansehen“ führen nicht zu inhaltlichen Festlegungen. So gleicht das Romantisieren eher einem offenen ästhetisch-spielerischen Denkstil als der systematischen Konstruktion eines geschlossenen Gedankengebäudes. Gleichwohl scheint in der Hoffnung, etwas anderes kann mit einer „unbekannten Operation“ nicht verbunden sein, auf das Auffinden des „ursprünglichen Sinns“ der Welt, die Verlorenheit des jetzigen Menschen in der Moderne auf.

2. Grundmotive

Bei aller Verschiedenheit der Ansätze lassen sich dennoch einige Gemeinsamkeiten feststellen, die sich bei den Protagonisten der p.n R. – wenn auch in unterschiedlicher Konnotation – finden lassen.

a) Menschenbild: Schon bei Johann Gottfried Herder, den man der Präromantik zurechnet, wird der Vernunftmensch der Aufklärung, der autonom (Autonomie) seine Entscheidungen trifft, einer Kritik unterzogen, die die Einseitigkeit dieser Vorstellung verwirft. Die p. R. wendet sich daher gegen die Verabsolutierung des rationalen Individuums. Der Mensch ist vielmehr eingebunden in eine Vielzahl gesellschaftlicher und historischer Gegebenheiten wie Religion, Tradition und Geschichte (Geschichte, Geschichtsphilosophie). Sie prägen die menschliche Gemeinschaft und das Verhalten der Einzelnen in ihr.

b) Staatsverständnis: Auch der Staat kann nicht durch Vernunftentscheid (Vertragstheorie) entstehen und gedeihen. Er ist geschichtlich-organisch gewachsen und bildet das natürliche politische Biotop des Menschen. Gleiches gilt für das Recht (Historische Rechtsschule). Damit werden zugl. die mechanistischen Staatsideen des Rationalismus und der Aufklärung verworfen. Den Staat kann man nicht konstruieren. Die p. R. lehnt daher Revolutionen und gewaltsame Umstürze ab, weil sie dem Prinzip des Organischen widersprechen. Das Staatsideal bildet ein harmonisch funktionierendes, z. B. ständestaatlich aufgebautes Gemeinwesen, in dem allfällige politisch-gesellschaftliche Widersprüche und Interessengegensätze etwa in der Person des Monarchen (Monarchie) aufgehoben werden. Dieser regiert so, dass seine Vorstellungen und die Vorstellungen seiner Bürger immer mehr übereinstimmen werden. Damit erweisen sich politische Institutionen als nicht sonderlich wichtig. Oskar Köhler spricht vom „Ausfall des Institutionellen“ (Köhler 1961: 947), was auch für den Bereich des Politischen gilt. Institutionen schränken ein und gefährden so das Wechselspiel von Harmonie und Widerspruch sowie von Gegensatz und Aufhebung.

c) Kulturkritik: Der Mensch in der modernen Gesellschaft entfremdet sich von seiner Natur, auch indem er sich von der Natur selbst entfremdet (Entfremdung). Das Heraufbeschwören eines als idyllisch gedachten vorindustriellen Zeitalters in der romantischen Dichtung, in der Mühlenräder ihren Dienst verrichten und Posthörner erklingen, erhält seine Entsprechung in der p.n R. durch die Ablehnung kapitalistischer Wirtschaftsformen und -ordnungen (Kapitalismus), da auch diese geeignet sind, traditionelle Gemeinschaftsbanden wie Familie und Stand zu zerstören. Der Mensch wird dadurch heimat- und haltlos. Auch im wirtschaftlichen Bereich sollen Ordnungen (wie eine zünftig und ständisch gegliederte Wirtschaft) belebt werden, die diesen Zustand beheben und dem Menschen wieder einen Rahmen bieten, in dem er nicht dem reinen Profitstreben ausgesetzt ist.

d) Religion: Der politisch-gesellschaftliche Nutzen der Religion kann in der p.n R. nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die Zerrissenheit der Welt spiegelt sich daher auch und gerade in der Glaubensspaltung des Christentums und im Verlust der politischen Funktion der Religion wider. „Das ist nun das große Gebrechen der Zeit, daß die politischen Beziehungen der christlichen Religion vergessen sind, und daß die Zeitgenossen allzu willig Jenen Gehör geben, die uns, so lange es ihr Vortheil mit sich bringt, gern überzeugen möchten, daß die Religion mit den sogenannten weltlichen Dingen nichts zu schaffen habe“ (Müller 1922: 195 [Bd. II]). Denn nur im Zusammenklang von Staat und Religion rundet sich die menschliche Gemeinschaft zu einem sittlichen Ganzen, in der der Mensch der Entfremdung enthoben seiner Natur gemäß sein Leben sinnvoll gestalten kann.

3. Rezeption und Aktualität

Die entscheidende Problematik romantischen Denkens ist, dass es historisch gesehen zu spät auf den Plan tritt. Die Französische Revolution und die Industrialisierung (Industrialisierung, Industrielle Revolution) lassen sich nicht mehr rückgängig machen. P. R. ist nur mehr Reaktion auf Vollzogenes, dem ein idealisiertes Bild schon untergegangener Verhältnisse entgegengestellt wird. Doch das wissen die Vertreter der p.n R. Ihre Vorstellungen sind daher wohl weniger als Blaupausen für das Zukünftige, sondern als Erinnerungen an Verlorenes und als Kritik am Bestehenden gedacht. So sind es schon Zeitgenossen wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel oder Heinrich Heine, die der p.n R. die Alltagstauglichkeit absprechen. Allerdings erfährt die Neuromantik zu Beginn des 20. Jh. erstaunliche Renaissance. Bspw. findet sich die Idee des Ständestaates wieder. Im deutschen Sprachraum propagiert v. a. Othmar Spann diese Staats- und Gesellschaftsform. Im Rahmen seiner Zeitschrift „Die Herdflamme“ veröffentlicht Jakob Baxa seine Schriften zur p.n R. Daran wiederum knüpft Carl Schmitts Fundamentalkritik an, die er in seiner Schrift „Politische Romantik“ (1925) formuliert. Seine Hauptkritik richtet sich gegen den „subjektivierten Occasionalismus“ (Schmitt 1925: 223 f.), d. h. die strukturelle Politikunfähigkeit und Beliebigkeit des romantischen Denkens, das nie die Schwelle zur eigentlichen politischen Tat überschreitet. In der Folgezeit werden die unterschiedlichsten Richtungen mit p.r R. in Verbindung gebracht: der Totalitarismus des Nationalsozialismus, die Naturschutzbewegung, die Hippies, oder die 68er (Studentenbewegungen). Hinter den aktuellen Formationen des Klimaschutzes lassen sich ebenso romantische Motive ausmachen, wie in den antiinstitutionellen Affekten des Liquid-Democracy-Ansatzes. All dies mag seine argumentative Berechtigung haben, aber eines unterscheidet die Romantiker von damals und heute doch grundlegend. Die romantischen Staatsdenker des 19. Jh. wussten um die Grenzen ihrer Vorstellungen. Das „Romantische“ heute lässt dagegen jegliche ironische Distanz zwischen Idee und Welt vermissen. Es ist nicht in der Lage, zu sich selbst in das Verhältnis der Reflektion zu treten.