Kulturkritik

1. Geschichte

K. im engeren Sinn als Genre und explizite Aufgabenbeschreibung der Philosophie ist ab Mitte des 18. Jh. und damit ab dem Zeitalter der Aufklärung nachzuweisen. Gleichwohl findet sich der Anspruch, kritisch zur Gesellschaftsordnung, den Sitten und der Moral der eigenen Zeit und Gemeinschaft Stellung zu nehmen, schon von Beginn der westlichen Philosophie, etwa bei Sokrates oder den kynischen Philosophen. Aber als ausdifferenzierte und in der spezifischen Textgattung des kulturkritischen Traktats verwirklichte Praxis tritt K. erst in der frühen Moderne auf und findet eine erste Blütezeit in der Philosophie des 19. Jh. und wird von da an zu einem allgegenwärtigen, vielstimmigen Begleitdiskurs moderner Gesellschaft, inzwischen längst nicht mehr nur lokalisiert im engeren Kontext philosophischer oder gar wissenschaftlicher Ausdrucksformen.

2. Formen

Als vollendeter Fall der K. der Aufklärung kann die berühmte „Abhandlung über die Ungleichheit“ von Jean-Jacques Rousseau aus dem Jahr 1755 gelten, in der er eine beißende Verurteilung der Gesellschaft seiner Zeit in Form einer fiktiv-historisierenden Darstellung ihrer Ursprünge gibt. J.-J. Rousseau argumentiert geschichtlich und normativ zugleich Er weist nach, wie sich „die Seele des Menschen und die menschlichen Leidenschaften“ verändert haben, „indem sie unmerklich immer schlechter werden“, so dass „der ursprüngliche Mensch nach und nach verschwindet“ (Rousseau 1998: 111). Ursprung und Ursache dieses Niedergangs ist aber die Sozialisierung und Kulturalisierung des Menschen als solche. Die Anpassung an Umgangsformen, die gesellschaftliche Arbeitsteilung und die ökonomischen und politischen Hierarchien schränken seine ursprüngliche Vornehmheit und Freiheit ein: „indem er vergesellschaftet und zum Sklaven wird, wird er schwach, furchtsam, kriecherisch, und seine verweichlichte und weibische Lebensweise schwächt schließlich zugleich seine Kraft und seinen Mut“ (Rousseau 1998: 42).

Nicht viele Autoren sind J.-J. Rousseaus mehrdeutiger, aber emphatischer Bezugnahme auf eine vermeintlich noch unverdorbene menschliche Natur vor der Kultur gefolgt, aber viele haben das Schema einer kritischen Zeitdiagnose angenommen, die eigene Gesellschaft und Kultur dafür anzuprangern, was sie mit ihren Mitgliedern gemacht und in welche Arten der Unfreiheit sie sie verstrickt hat. Ab dem frühen 19. Jh. konkurrieren hier unterschiedliche und unterschiedlich radikale Ursachenzuschreibungen: Alexis de Tocqueville beklagt 1838 am Beispiel der jungen amerikanischen Demokratie die „Herrschaft der Mehrheit“ und einen neuen „Despotismus“ der öffentlichen Meinung (Tocqueville 1959: 285, 295); mit einer ähnlichen Tendenz fürchtet John Stuart Mill 1859, dass die moderne Kultur „alles Individuelle zur Einförmigkeit abflacht“ und das wesentliche Recht zur „freien Entfaltung“ jedes Einzelnen verletzt wird (Mill 2009: 179, 185). Karl Marx und die sozialistischen und anarchistischen Autoren dieser Zeit geben der K. dagegen eine herrschaftstheoretische Wendung und argumentieren, dass die Ursachen für Unfreiheit, Entfremdung und Ohnmacht im soziostrukturellen Gefüge der modernen bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Eigentums- und Klassenteilungen liegen. Friedrich Nietzsche dagegen legt seine Form von K. Ende der 1880er Jahre noch grundlegender an und versucht einen unheilvollen, systematischen Zusammenhang aufzudecken zwischen den ganz verschiedenen moralischen, ästhetischen, politischen und religiösen Aspekten einer Kultur, die als ganze noch vollständig im Bann christlicher Selbstverleugnung und Lebensfeindschaft steht. Die dieser Kultur entspringende „Selbstverkleinerung des Menschen“ (Nietzsche 1988: 404) ist ein Verhängnis, dem – fast – niemand in dieser Kultur entrinnen kann und das also die Möglichkeit seiner eigenen Überwindung verhindert.

3. Pluralisierung

Im Anschluss an diese Hochphase der philosophischen K. lassen sich zwei zunächst gegenläufig wirkende Tendenzen feststellen. Auf der einen Seite werden viele der eher spekulativ entwickelten kulturkritischen Motive (wie Massenkultur, Mittelmäßigkeit und Entfremdung) aus dem frühen und mittleren 19. Jh. in sehr viel nüchterner formulierte sozialwissenschaftliche Programmatiken überführt und gesellschaftsspezifisch reformuliert. Am deutlichsten ist dies in den Gründertexten der Soziologie, so liefern etwa Émile Durkheims Theorie der Anomie oder Georg Simmels Beschreibung des Großstadtlebens eindrucksvolle Beispiele für eine wissenschaftliche Form gesellschaftlicher Selbstbefragung. In Max Webers großangelegter Theorie der modernen Rationalisierung schwingen implizit zahlreiche Topoi von F. Nietzsches Klage über die Einseitigkeiten der Kultur der Moderne mit; Ähnliches gilt für die Kulturtheorie Sigmund Freuds. In den zeitdiagnostischen Schriften der Autoren der frühen Frankfurter Schule finden viele dieser Elemente einen bis heute prägenden Ausdruck; die These vom Umschlag von Hochkultur in Barbarei und von der allumfassenden Herausbildung einer „Kulturindustrie“ aus der Mitte der 1940er Jahre hat weite Teile bes. der linken K. der Nachkriegszeit geprägt.

Auf der anderen Seite löst sich der exklusive Sitz der K. allein in der philosophischen oder akademischen Sphäre allmählich auf. Schon seit der Entstehung selbstbewusster bürgerlicher politischer Öffentlichkeiten, erst recht seit dem Auftritt der ästhetischen und lebensreformerischen Avantgarden ab dem Ende des 19. Jh. und verstärkt in gesellschaftsweiten Krisen- und Erneuerungsphasen wie in den späten 1960er Jahren, hat sich K. generalisiert und pluralisiert. Die kritische Reflexion auf die Missstände und Tiefenwirkungen gesellschaftlicher Ordnungen und symbolischer Codes wird nicht mehr ausschließlich von einem kleinen Kreis von Professionellen geleistet, sondern ist nun ein integrales Element der selbst schon reflexiv und damit kritisch gewordenen Kultur selbst. Außerdem zeigt sich, dass sie immer wieder neue Formen dieser Reflexion hervorbringt, wobei der wissenschaftliche Diskurs längst nicht mehr das Leitmedium ist. K. findet inzwischen mindestens ebenso intensiv in Teilen der nicht schriftgebundenen Hochkultur (wie in den hochreflexiven Werken der avancierten bildenden Kunst) und der Populärkultur (wie derzeit in einem vormals so affirmativ scheinenden Medium wie den TV-Serien) statt.

4. Ende oder Zukunft der Kritik

In den vergangenen Jahren war, wie mit großer Regelmäßigkeit seit den 1970er Jahren, öfter vom „Ende der Kritik“ (u. a. bei Bruno Latour) die Rede, und auch die Möglichkeit und Legitimität der K. scheint sich nicht mehr von selbst zu verstehen. Der inzwischen kaum mehr dissidenten K. wird selbst eine Art von Komplizität mit denjenigen Mächten vorgeworfen, die sie zu kritisieren vorgibt. Gleichzeitig ist aber der auch publizistische Erfolg von Autoren kritischer und oftmals düsterer Globaldiagnosen der letzten Jahre (wie etwa Giorgio Agamben, Peter Sloterdijk oder Byung-Chul Han) ein Symptom für das weiterhin ungestillte Bedürfnis nach einer schonungslosen Perspektive auf die Gegenwart der in vielerlei Hinsichten ambivalenten Spätmoderne. Dass sich diese Diagnosen vielfach widersprechen und dass sie leidenschaftlich bestritten werden, zeigt einmal mehr, dass es kein Privileg auf letzte Wahrheiten seitens der wissenschaftlichen und philosophischen Experten mehr gibt und die Kritik der Kultur und der Gesellschaft längst dort angekommen ist, wo sie in einer demokratischen Kultur hingehört, mitten hinein in den Meinungsstreit pluraler Öffentlichkeiten.