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W. Plumpe: Krise, III. Wirtschaftskrisen, Version 11.11.2020, 09:00 Uhr, in: Staatslexikon<sup>8</sup> online, URL: {{fullurl:Krise}} (abgerufen: {{CURRENTDAY2}}.{{CURRENTMONTH}}.{{CURRENTYEAR}})
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Aktuelle Version vom 4. Januar 2021, 12:22 Uhr

  1. I. Wurzeln und Ausbildung des Begriffs
  2. II. Akzeptanz der Unvollkommenheit: Sozialethische Überlegungen
  3. III. Wirtschaftskrisen

I. Wurzeln und Ausbildung des Begriffs

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Vom griechischen krisis (= scheiden, beurteilen, entscheiden, kämpfen) ausgehend, tritt der Topos in der Antike in drei Bedeutungsvarianten auf: juristisch als rechtlicher Entscheidungsakt, medizinisch als Kulminationspunkt eines Krankheitsverlaufs, theologisch als Endzeit des göttlichen Gerichts. In der zweiten Hälfte des 18. Jh. bürgert sich der Terminus im Geschichts- und Gesellschaftsdenken ein und bezeichnet bedrohliche Situationen mit ungewissem Ausgang – Kriege, Bürgerkriege und Revolutionen. Jean-Jacques Rousseau verleiht dem Begriff eine prognostische Dimension, indem er die politische Lage seiner Zeit auf den Zukunftshorizont eines „Jahrhunderts der Revolutionen“ (Rousseau 1762: 192) hin entwirft. Bis ins frühe 20. Jh. erhält sich diese Gleichsetzung von K. und Revolution.

Die etymologischen Wurzeln des Begriffs weisen den Weg zum Verständnis seiner Bedeutungsfacetten im modernen Gesellschaftsdenken. Während „Krisis“ im juristischen Sinn auf einen subjektiven Entscheidungsakt verweist, bezeichnet er im medizinischen Gebrauch einen objektiven Zustand. Diese beiden Bedeutungsvarianten transponiert das geschichtsphilosophische Denken (Geschichte, Geschichtsphilosophie) auf die Diagnose gesellschaftlicher Evolutionen. „K.“ indiziert einerseits einen bestimmten Zustand sozialer Ordnung, ruft andererseits zur politischen Entscheidung auf. Insofern lässt sich „K.“ als „strukturelle Signatur der Neuzeit“ (Koselleck 1982: 627) verstehen. Der Begriff verbindet Bedrohungserwartungen mit der Verheißung, dass im Sinne Friedrich Hölderlins, wo Gefahr sei, auch das Rettende wachse. So integriert er epochale Erfahrungen, deren Widersprüchlichkeit die Französische Revolution kenntlich machte: einerseits Zukunftsoffenheit einer Geschichte, die Neues birgt und durch menschliches Handeln veränderbar ist, andererseits Eigengesetzlichkeit gesellschaftlicher Evolution. Damit erfüllt der K.n-Topos der Geschichtsphilosophie eine doppelte Funktion: als Diagnose gesellschaftlicher Problemkonstellationen und als Appell, der zur Entscheidung ruft.

In dieser geschichtsphilosophischen Ursprungsgestalt ist der Begriff der K. eng mit dem der Kritik verknüpft. Kritik und K., moralisches Urteil und politische Auflösung der Gesellschaftsordnung bilden eine Einheit. In den Worten Bruno Bauers: „Die Kritik ist die Krisis, welche das Delirium der Menschheit bricht“ (Bauer 1842: 204). Mit der industriellen Revolution (Industrialisierung, Industrielle Revolution) aber wird die Einsicht in die Eigengesetzlichkeit sozialer Evolution derart unabweisbar, dass sich dieser Bedeutungskonnex auflöst und seine Elemente sich gegeneinander verselbständigen. Während im geschichtsphilosophischen Denken der kritische Urteilsakt den gesellschaftlichen Systemzustand der K. bewirkt, kehrt sich dieser Kausalnexus bei Karl Marx schließlich um. Nun gilt der Systemzustand der K. als objektive Möglichkeitsbedingung dafür, dass Kritik, im revolutionären Handeln, praktisch wirken kann. In dieser Perspektive entwickelt sich die K.n-Diagnose zur K.n-Theorie.

K. Marx und Friedrich Engels greifen die ökonomischen Erkenntnisse Jean Charles Léonard Simonde de Sismondis auf, der – gegen die Vorstellung einer prästabilierten Marktharmonie – in konjunkturellen Zyklen (Konjunktur) die strukturelle Notwendigkeit wirtschaftlicher Gleichgewichtsstörungen nachgewiesen hatte. Ihre Erwartung, dass sich in den Störungen des wirtschaftlichen Subsystems „allseitigere und gewaltigere Krisen“ (MEW 4: 468) des gesellschaftlich Ganzen ankündigen, wird aber sowohl durch die politischen Enttäuschungen der postrevolutionären Jahrzehnte als auch die theoretischen Komplexitätsgewinne ihrer „Kritik der politischen Ökonomie“ (Marx 1859) korrigiert. Im „Kapital“ zeigt K. Marx schließlich zwar die systemische Notwendigkeit ökonomischer Reproduktions-K.n auf, doch auch ihre gegenläufigen, d. h. systemstabilisierenden und selbstregulierenden Effekte. Damit ist die Einheit von ökonomischer und revolutionärer K. gesprengt; die diagnostische Funktion des Begriffs verselbständigt sich gegen seine Appellfunktion.

Parallel zu dieser entwickelt sich eine andere Linie der K.n-Diagnosen aus dem Motivhorizont des gegenrevolutionären Gesellschaftsdenkens heraus, das sich im Laufe des 19. Jh. eingesteht, dass die Rückkehr zur traditionalen Gesellschaftsordnung verstellt und geschichtliche Evolution irreversibel ist. Von den Revolutionsschriften Edmund Burkes über die Revolutionsanalyse Alexis de Tocquevilles, die geschichtstheoretischen Reflexionen Jacob Burckhardts und Friedrich Nietzsches Nihilismus-Diagnosen (Nihilismus) entwickeln sich verschiedene Sinngestalten der „Kultur-K.“, die die Pathologie moderner Gesellschaften als strukturellen Mangel an sozialen Integrations- und Kohäsionsressourcen begreifen. In dieser Perspektive erscheint die Kultur-K. der Moderne als epochaler Dauerzustand, als K. in Permanenz. Was dabei wiederum problematisch wird, ist die Denkmöglichkeit eines Jenseits der K. – der Erwartungshorizont, auf welchen sich die Appellfunktion des Topos gründet.

Das Bedeutungsfeld von „K.“ im 20. Jh. ist durch zwei gegenläufige Entwicklungen charakterisiert. Zum einen eine Tendenz zur Inflationierung und Diffusion, die durch zahlreiche Recyclingversuche überkommener Sinngestalten gekennzeichnet ist: z. B. die vielen Anläufe marxistischer Autoren, die (von K. Marx überwundene) Verklammerung von ökonomischer und revolutionärer K. wieder herzustellen, oder die kaum überschaubaren Versionen von „Kultur-K.n“ (etwa als „Tragödie der Kultur“ [Simmel 1987: 116] bei Georg Simmel, als Herrschaft des „Man“ [Heidegger 1986: 126] bei Martin Heidegger, ins Politische gewendet: als „Krisis der Demokratie“ [Schmitt 2017: 21] bei Carl Schmitt).

Die andere Entwicklung, von der französischen und amerikanischen Soziologie ausgehend, geht hin zur Verwissenschaftlichung des K.n-Begriffs. Er bezeichnet nunmehr Zustände gestörter Ordnung – Anomie – und wendet sich ins Empirische. Damit geht eine Segmentierung und Spezifizierung seines Bedeutungsfeldes einher. An die Stelle der „großen“ K. treten vielfältige Partial-K.n, die von verschiedenen Einzelwissenschaften in gesonderte Phänomenklassen geordnet und Gegenstand hochspezialisierter Forschung werden. Unter dem Titel der Anomie untersucht die Soziologie die Ursachen von Devianzphänomenen (Devianz) wie Gewalt, Kriminalität und Selbstmord; die Politikwissenschaft analysiert Staats-, Verfassungs- und Regierungs-K.n, die Wirtschaftswissenschaften Konjunktur-, Finanz- oder Fiskal-K.n. Damit wird aber auch die Leitdifferenz von Normalem und Pathologischem unscharf: Ordnungsstörungen erscheinen als zwar unerwünschte, doch normale, alltägliche und unvermeidliche Phänomene gesellschaftlicher Evolutionen, denen durch sozialtechnologische Steuerung zu begegnen sei. So schwindet nun gänzlich jener semantische Verheißungshorizont, auf den sich die Appellfunktion des K.n-Topos gründet: An Stelle des Entscheidungsappells tritt Risikofolgenabschätzung (Risiko), Untergangsvisionen weichen Prognoseszenarien, geschichtliche Heilsgewissheiten minimieren sich zu politischen Steuerungsrezepturen.

In den 1970er Jahren, unter dem Eindruck ökonomischer Friktionen und „neuer sozialer Bewegungen“ (Soziale Bewegungen), kommt es zu einer, freilich kurzzeitigen, Renaissance von Gesellschaftsdiagnosen als K.n-Theorie. Während die Theorien des „Spätkapitalismus“ in der sozialstaatlichen Prävention ökonomischer K.n Potenziale einer latenten „Legitimitätskrise“ (Habermas 1973) identifizieren, diagnostizieren konservative „Unregierbarkeit[s]“-Diagnosen (Hennis 1977: 9) eine „Krise der Demokratie“ als Resultat von Verbandsmacht und Anspruchsinflation. Die ihnen gemeinsame Frage nach den Grenzen staatlicher Steuerungsfähigkeit, den „Krise[n] des Krisenmanagements“ (Offe 1973), wird seit der Finanz-K. der Jahre 2007/08 (Finanzmarktkrise) wieder neu aufgeworfen. Während Ökonomie und Soziologie sich um krisentheoretische Kausalerklärungen des Phänomens Finanz-K. bemühen, konzentriert sich die politikwissenschaftliche K.n-Forschung auf die Folgewirkungen des K.n-Managements. Zugl. zeichnen sich unter dem Titel der „Postdemokratie“ (Crouch 2004) die Umrisse einer normativ grundierten K.n-Diagnose ab, die einen schleichenden „Substanzverlust“ (Schäfer 2009: 178) demokratischer Entscheidungs- und Willensbildungsverfahren beklagt. Ob sich die – disparaten – empirischen Befunde wieder zu generalisierbaren K.n-Theorien synthetisieren lassen, ist noch nicht abzusehen.

II. Akzeptanz der Unvollkommenheit: Sozialethische Überlegungen

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Der Begriff K. ist uns als „suggestive(s)“ Schlagwort (Orth 2010: 149) vertraut. Er wirkt nicht selten wie ein Signal, das eine reflexhafte (emotionale) Reaktion auszulösen vermag. K. erscheint als das Ergebnis einer „Inszenierung“ (Orth 2010: 149). Seine (sozial)ethische Relevanz gewinnt er durch die damit verbundene Deutungsmacht. Der K.n-Ruf kann „enthüllen, ja zuspitzen, aber auch verschleiern oder verklären“ (Orth 2010: 153). Weil der K.n-Begriff v. a. als eine mit der modernen Gesellschaft einhergehende Antwort auf Komplexität, Unübersichtlichkeit und Risiko zu verstehen ist, kann man ihn auch als „strukturelle Signatur der Neuzeit“ (Koselleck 1982: 627) bezeichnen.

Ein Blick in die Geschichte des Begriffs lehrt, dass seine „alte Kraft“ (Koselleck 1982: 649) (griechische Antike) auf seinen juristischen, theologischen und medizinischen Wortgebrauch zurückgeführt werden kann: „Immer handelte es sich um lebensentscheidende Alternativen, die auf die Frage antworten sollten, was gerecht oder ungerecht, heilsbringend oder verderbend, gesundheitsstiftend oder tödlich sein würde“ (Koselleck 1982: 619). Er stand für Entscheidung, aber auch für Beurteilung und Kritik und hatte bereits bei Aristoteles politische Bedeutung: Der Bürger ist dadurch ausgezeichnet, dass er am Richten und Regieren teilnimmt. Der neuzeitliche (17./18. Jh.) Begriff unterscheidet sich vom alten insb. dadurch, dass sich sein Anwendungsbereich enorm ausgeweitet hat, zunächst auf die Wirtschaft, dann auf die Gesellschaft insgesamt. K. wird zu einem sozialethischen Begriff, insofern sie nicht mehr auf einzelne Handlungen zurückgeführt werden kann (existenzphilosophisch-persönlicher Begriff), sondern auf Zusammenhänge, systemische Mechanismen, Institutionalisierungen (gesellschaftlich-struktureller Begriff). Schon seit der Antike bezeichnet K. ausgesprochen ambivalente Situationen: Umsturz oder Reform der bestehenden Ordnung. Von der Kulturtheorie über die Geschichtsphilosophie (Geschichte, Geschichtsphilosophie) bis hin zur Nationalökonomie (Jacob Burckhardt, Karl Marx, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Joseph Alois Schumpeter) findet man die Vorstellung von der Notwendigkeit von Depressionen oder Katastrophen als unverzichtbarem Katalysator menschheitlicher Entwicklung. Heute überwiegt der eher negative Charakter des Begriffs. Dahinter steckt v. a. die vielapostrophierte Ambivalenz der Moderne („Dialektik der Aufklärung“ [Horkheimer/Adorno 1947]): Die Erfolge wissenschaftlich-technischer Revolution verselbstständigen sich, entziehen sich (wieder) der Verfügungsmacht des Menschen (Verdinglichung, Entfremdung, Entsubjektivierung). (Vgl. etwa Max Weber, Georg Simmel, Theodor W. Adorno/Max Horkheimer).

Der vorherrschende Begriff von K. versteht sie als einen bestimmten Punkt oder Abschnitt im Ablauf eines mehr oder weniger „normalen“, nicht-krisenhaften Prozesses, als Wende- oder Entscheidungspunkt, als Grenze eines wie auch immer gearteten Systemgeschehens, als einen Punkt, an dem sich das „Schicksal“ des Systems entscheidet. Aber ein solcher Begriff wird schon mit der Neuzeit problematisch, wenn die Idee von der gottgewollten, natürlichen, dem Menschen vorgegebenen Ordnung ihr Ende findet. Dann ist es der Mensch selbst, der sich seine Welt schafft (Immanuel Kant). Angesichts der Heterogenität und Komplexität der modernen Welt erscheint ein solches Verständnis von K. noch einmal problematisch, weil es so tut, als ginge es um Tatsachen, die unabhängig vom Beobachter existierten. In der neueren, (nicht nur) soziologisch (pragmatistisch [ Pragmatismus ], systemtheoretisch [ Systemtheorie ]) geprägten Debatte richtet sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf die K. als eine Art und Weise, wie wir Sachverhalte beobachten, nicht um die Beobachtung von Sachverhalten. Dann werden K.n als „Konstruktionen ihrer Beobachter“ (Schulze 2011: 76) ansichtig, als subjektive Konstruktionen (Konstruktivismus), die allerdings gesellschaftlich vermittelt sind. K.n erscheinen als eingebunden in bestimmte Routinen, als Reproduktionen von Ansprüchen und Erwartungen. Sie gewinnen ihre Bedeutung zum guten Teil aus deren Institutionalisierung.

Wenn man diese Perspektive einnimmt, dann zeigt sich, dass mit dem Ausruf einer K. nicht nur ein bestimmter Sachverhalt markiert werden soll, sondern auch eine (routinisierte) Verhaltensaufforderung einhergeht: Der Begriff wird zum (verzweifelten) Versuch, angesichts von Unsicherheit (Komplexität, Risiko) Kontrolle zurückzugewinnen. Er konstruiert eine Zwangslage, engt den Handlungsspielraum ein, suggeriert bisweilen „Alternativlosigkeit“, führt zu Zentralisierungen und formt einen moralischen Imperativ: „Ende der Debatte!“ (Schulze 2011: 36) Die K.n-Rhetorik entlarvt sich geradezu als „Versuch einer Entpolitisierung der Politik“ (Bühl 1984: 2). „Unterkomplexe“ Lösungen treffen auf komplexe Probleme (geringere „Makrostabilität“ durch geringere „Mikrovariabilität“) (Bühl 1984: 213). Statt Verantwortung zu gestalten werden Kontrollillusionen gepflegt. Ganz in diesem Sinne hatte Niklas Luhmann der Ethik die Aufgabe zugewiesen, vor Moral zu warnen. D. h. die K. impliziert sowohl eine faktische als auch eine normative Dimension. Sie wirft die Frage nach den strukturellen Bedingungen von Verantwortung auf und nötigt zur Reflexion über das Gemeinwohl, über die Bedingungen von Freiheit und Autonomie in Gemeinschaft. Will der moderne Mensch nicht allein der Sachzwanglogik vertrauen und will er sich nicht mit Inszenierungen zufrieden geben, bleibt „gar nichts anderes übrig, als diese Unvollkommenheit oder Unsicherheit des Wissens prinzipiell zu akzeptieren und sie gerade zum Konstruktionsprinzip von Sozialorganisationen zu machen“ (Bühl 1984: 213). Armin Nassehi plädiert für Gelassenheit. Dann kann die struktur- oder sozialethische Antwort auf die K.n-Konjunktur nur lauten: Debatten fördern, Skepsis organisieren, Selbstreflexion und Selbstkritik auf möglichst vielen Ebenen (Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft) – möglichst dezentral (i. S. v. Mikrovariabilität) – institutionalisieren.

III. Wirtschaftskrisen

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Wirtschafts-K.n sind wiederkehrende Störungen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, die sich durch zeitweilige Nichtauslastung der vorhandenen Kapazitäten auszeichnen. K.n fallen dabei unterschiedlich schwer aus. Tiefe und langanhaltende K.n können zu einer schweren Belastung des gesamten Gemeinwesens werden, während kleinere konjunkturelle Dellen zumeist wenig bemerkt werden. In der Ökonomik wird der K.n-Begriff nicht verwendet; man spricht von konjunkturellen Schwankungen bzw. Rezessionen (Konjunktur). Der englische Begriff Business Cycles bringt den Gegenstand klar zum Ausdruck. Bei der Betrachtung des K.n-Geschehens geht es um die Hervorhebung des zyklischen Charakters der ökonomischen Entwicklung, die ein typisches Moment der modernen Wirtschaft ist. Für sie gilt generell, dass sich die reale Entwicklung zyklisch um einen aufwärts weisenden Entwicklungspfad entfaltet. Amplituden und Rhythmen dieser Zyklen sind nun Gegenstand der entspr.en konjunkturtheoretischen Überlegungen ebenso wie die Zyklizität selbst. Dabei wurden bereits seit der Mitte des 19. Jh. die wiederkehrenden, geradezu regelmäßig auftretenden K.n-Erscheinungen registriert. Der französische Arzt Joseph Clément Juglar stellte als Erster entspr. systematische Beobachtungen an, nach denen die Wirtschaft etwa alle acht Jahre eine K. erlebte, in den Zustand der Depression geriet, aus dem sie sich nach und nach erholte, um in einen Aufschwung und schließlich einen Boom überzugehen.

1. Krisenerklärung: Das 19. Jh.

Während für die klassische Ökonomie (Klassische Nationalökonomie) von Adam Smith bis John Stuart Mill die Wirtschaft endogen störungsfrei verlief und lediglich externe Einflüsse K.n auslösen konnten, waren die wiederkehrenden Einbrüche für Karl Marx Überproduktions-K.n, die sich aus dem spekulativen Charakter des kapitalistischen Investitionsverhaltens zwangsläufig ergaben. In der Konkurrenz seien die Kapitalisten gezwungen, ihre zukünftigen Marktchancen aggressiv zu nutzen und dehnten daher in einer Aufschwungphase ihre Investitionen zu weit aus, sodass, sobald die neuen Anlagen produzieren, Überproduktion eintritt, ein Teil der Produktion nicht abgesetzt werden kann, die Anlagen nicht ausgelastet werden, Unternehmen zusammenbrechen, Arbeitslosigkeit entsteht, die Nachfrage weiter zurückgeht, Preise und Zinsen sinken, bis ein Boden gebildet ist, auf dem die Spekulation erneut einsetzt. Dieses Konzept enthält – sei es nun als Überproduktions- oder Unterkonsumtionstheorem angelegt – einen empirisch belastbaren Kern, ist in seiner arbeitswerttheoretischen und geschichtsphilosophischen Ausrichtung (Geschichte, Geschichtsphilosophie) allerdings unzutreffend. K. Marx hielt diese K.n-Zyklen für selbstverschärfend, da sich aus Konkurrenzgründen die organische Zusammensetzung des Kapitals so ändere, dass die Profitrate sinke und der Kapitalismus zwangsläufig an sein Ende gerate, wodurch zugl. sich das Tor für eine sozialistische Zukunft (Sozialismus) öffne, in der es weder Ausbeutung noch K.n gebe. Der technische Wandel sowie die Unhaltbarkeit arbeitswerttheoretischer Annahmen entzogen diesem Konzept den Boden, sodass sich Ende des 19. Jh. eine neoklassische Sicht auf Wirtschafts-K.n etablierte, die ihre starken Ausprägungen als Ergebnis falscher (geld-)politischer Entscheidungen ansah, wohingegen der normale Konjunkturzyklus als erwünscht angesehen wurde, da in den Abschwüngen die schwächeren, weniger leistungsfähigeren Marktteilnehmer ausschieden, die K.n also einen Reinigungscharakter hatten.

2. Krisenerklärung: Zwischenkriegszeit

In der Zwischenkriegszeit gerieten die liberalen neoklassischen Annahmen selbst in eine schwere K., da sie die schweren wirtschaftlichen Erschütterungen der Zeit nicht zu erklären vermochten bzw. zu deren Bekämpfung nur wenig Hinweise gaben. Dass die Weltwirtschafts-K. von 1929 nur Zyniker als Reinigungs-K. hinstellen konnten, war offensichtlich. Das konjunkturtheoretische Interesse war jedenfalls dadurch angefacht. Abgesehen von der Weiterfortschreibung marxistischer Annahmen, waren es im Wesentlichen drei Interpretamente, die bis in die Gegenwart das Verständnis von Wirtschafts-K.n und deren jeweilige Therapie bestimmen. Zunächst entwickelte Joseph Alois Schumpeter auf der Basis empirisch-historischer Betrachtungen ein Evolutionskonzept der Wirtschaft, das von einer in zyklischen Schwankungen verlaufenden Aufwärtsrichtung der Wirtschaft ausgeht. Nach J. A. Schumpeter, der sich neben J. C. Juglar auch auf die Arbeiten von Nikolai Dmitrijewitsch Kondratieff bezog, überlagern sich dabei mehrere zyklische Ebenen: sehr kurze Lagerhaltungszyklen, die typischen konjunkturellen Zyklen nach J. C. Juglar und sog.e lange Wellen der Konjunktur (nach N. D. Kondratieff) von jeweils etwa 50- bis 60-jähriger Länge. Träger dieser langen Wellen waren für J. A. Schumpeter sog.e Basisinnovationen, deren Nutzung das gesamtökonomische Milieu beeinflusste, zunächst im Aufschwung und nach der Etablierung und Generalisierung der neuen Verfahren in einer eher stagnativen Phase. Die Tiefe der Weltwirtschafts-K. von 1929 ergab sich hiernach aus dem Zusammentreffen mehrerer K.n-Tiefpunkte unterschiedlicher zyklischer Ebenen. Handlungspraktisch war J. A. Schumpeters Konjunkturtheorie nicht, da sie keine therapeutischen Ratschläge enthielt.

Ganz anders hingegen das Konzept, das von John Maynard Keynes vorgelegt wurde und die K.n, insb. die tiefen K.n ganz im neoklassischen Rahmen als Ungleichgewichte erklärte, die sich nur, und hier verließ J. M. Keynes den Rahmen, nicht automatisch zurückbildeten. Dauerhafte Ungleichgewichte seien dann möglich, wenn sich relevante Marktteilnehmer auf Grund pessimistischer Zukunftserwartungen zurückhielten, die Unternehmer nicht investierten und die Haushalte nicht konsumierten oder nicht konsumieren konnten, sondern lieber ihr Geld horteten und auf bessere Zeiten hofften (Liquiditätspräferenz). In einer solchen Situation müsse der Staat durch autonome Nachfrage (Kreditschöpfung) den Investitions- und Konsumkreislauf wieder in Gang setzen bzw. beschleunigen, wodurch sich die gesamtwirtschaftliche Aktivität enorm steigern lasse. Das Konzept von J. M. Keynes (Keynesianismus) lag ganz in der Tradition der neoklassischen Ökonomie, hatte aber den großen Vorteil, dass es konkrete Handlungshinweise gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die hiervon abgeleitete neoklassische Synthese zum Standardanalyseinstrument der Ökonomik und bis in die 1960er Jahre zur Basis der Wirtschaftspolitik in zahlreichen Staaten, erlitt freilich in den 1970er Jahren praktisch Schiffbruch, sodass sich ein dritter Strang des K.n-Denkens durchsetzen konnte, der seither als neoliberal (Neoliberalismus) gilt, im Kern aber bereits auf Überlegungen der österreichischen Schule (Österreichische Schule der Nationalökonomie) der 1920er und 1930er Jahre zurückgeht (Ludwig Mises, Friedrich August von Hayek). Hiernach sind es staatliche Eingriffe, namentlich eine falsche Zins- und Geldpolitik, die erst zu Blasen und dann zu krisenhaften Zuspitzungen führen. Sollte der Staat bzw. die Zentralbank eine angemessene Geld- und Zinspolitik betreiben, ließen sich K.n vermeiden; denn Märkte funktionieren in dieser Logik unter angemessenen Rahmenbedingungen perfekt (Milton Friedman). Erwähnt sei auch noch der deutsche Ordoliberalismus, für den K.n die Folge nur eingeschränkt funktionierender Märkte sind, namentlich in Folge ihrer Vermachtung durch große Interessengruppen (Trusts, Kartelle, Gewerkschaften etc.), die die Funktionsweise des Marktmechanismus (Preisbildung) beeinträchtigen. In dieser Sicht hat der Staat sich aus dem eigentlichen Marktgeschehen herauszuhalten, aber seine institutionelle Stabilität und Unversehrtheit zu garantieren.

3. Fazit

Während J. M. Keynes (Investitionen, Löhne, Preise), M. Friedman (Geldmenge, Zinsen) und Walter Eucken (Ordnungsrahmen) K.n bei angemessener staatlicher Politik für vermeidbar oder eingrenzbar hielten, war allein J. A. Schumpeter hier zurückhaltend, waren für ihn K.n doch nicht ein vermeidbares Übel, sondern die Form, in der sich der wirtschaftliche Strukturwandel vollzog und vollzieht. In der gegenwärtigen Debatte um den angemessenen Umgang mit K.n finden sich alle genannten ersten drei Konzepte wieder, während auf J. A. Schumpeter nicht zurückgegriffen wird, doch hätte dessen Zurückhaltung unter Umständen die Staaten von teuren Interventionen abgehalten, die wenig wirksam sind, dafür aber selbst um so mehr zu veritablen K.n-Faktoren (Staatsverschuldung) werden können. V. a. hätte sich dadurch statt der illusionären Hoffnung auf krisenfreie Zustände ein realistisches Bild von K.n als Momente des ökonomischen Strukturwandels etablieren können.