Rationalisierung

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  1. I. Rationalisierung als gesellschaftliche Modernisierung
  2. II. Rationalisierung im wirtschaftlichen Prozess

I. Rationalisierung als gesellschaftliche Modernisierung

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Der Glaube an die Rationalität gehört seit der Aufklärung zum Grundselbstverständnis moderner Gesellschaften. Für die Nationalökonomie und die Gesellschaftstheorie im 19. Jh. war sozialer Fortschritt gleichbedeutend mit R. der verschiedensten Lebensbereiche. Das naturwissenschaftliche Denken, die Handlungslogik der Ökonomie (homo oeconomicus) sowie die Mathematik waren die Leitmodelle dafür.

Allg. bedeutet R. in erster Linie die Fähigkeit, bestimmte Zwecke oder Wunschziele in eine erfolgsversprechende Verbindung mit den verfügbaren und immer knappen Mitteln zu bringen. Der Grad der R. bemisst sich demnach an der erreichten Adäquanz der Mittelwahl bei gegebenen Zwecken, mithin in der Realisierung der bestmöglichen Kombination zwischen beiden Handlungselementen. Die Zwecke können dabei so unterschiedlich sein, wie es die menschlichen Bedürfnisse, Wünsche und Ziele sind. Für die Wissenschaften etwa geht es dabei um den Erkenntnisfortschritt auf empirischer Grundlage und um die zunehmende Beherrschung der Natur, für die Vertreter des wirtschaftlichen Liberalismus ist es die Vervollkommnung der Marktfreiheit und die Wohlfahrtsmaximierung, für Marxisten die Überwindung des Kapitalismus, für Kosmopoliten die Abkehr vom Nationalismus, für Klimaaktivisten die Reduktion der Erderwärmung usw.

So unterschiedlich die Zwecke auch sind, vielfach wird der Prozess der R. von Motiven der Zurückdrängung des Nicht-Rationalen, Prä-Logischen, Magisch-Religiösen oder auch des emotionalen Moments getragen. Dabei werden die Rationalitätskriterien häufig mit einem Absolutheitsanspruch vertreten: „Rational“ sei demnach v. a. das jeweils anvisierte praktische Ziel oder der entspr.e moralische Wert; was davon abweicht, wird als „irrational“ betrachtet.

In der post-positivistischen Gesellschaftstheorie erfahren die klassische Dichotomie „rational“ v „irrational“ sowie das Dogma der Rationalität eine reflexive Infragestellung. Der französisch-italienische Ökonom und Soziologe Vilfredo Pareto etwa sieht v. a. im „nicht-logischen Handeln“ eine entscheidende Triebkraft der gesellschaftliche Strukturbildung und Dynamik. Er entwickelte eine umfängliche Typologie der basalen Affekte und Emotionen („Residuen“ [Pareto 1988: § 888]), die dem kollektiven Handeln der Menschen zugrunde lägen und gesellschaftliche Ordnung („soziales Gleichgewicht“ [Pareto 1988: § 119]) begründeten.

Für Max Weber ist R. die entscheidende Triebkraft für die Herausbildung des modernen Kapitalismus und der okzidentalen Zivilisation. Die Ursachen sind ihm zufolge aber nicht primär ökonomischer Natur, sondern sie gehen auf das religiöse Weltbild des abendländischen Christentums zurück. Eine Schlüsselbedeutung kommt dabei dem Protestantismus zu, insb. in der Variante des Calvinismus. Der Glaube, dass die Erlösung im Jenseits durch wirtschaftliche Erfolge im Diesseits gefördert würde (die calvinistische Prädestinationslehre), habe bei den Gläubigen eine neuartige „methodische Lebensführung“ (Weber 2016: 325) hervorgebracht. Sie basiert im Kern auf einer strengen Berufsethik, auf Konsumverzicht zugunsten von Investitionen, Selbstverantwortlichkeit und individueller Gewissensprüfung. M. Weber zufolge habe das die Grundlagen für die Kapitalakkumulation, die Entstehung einer Unternehmerklasse und die Verbreitung des bürgerlichen Menschenideals gelegt. Darauf geht der Rationalismus des Westens mit seiner zentralen Ausrichtung auf grenzenlose Beherrschbarkeit der Lebenswelt mittels Wissenschaft, Technik, Organisation und Selbstbeherrschung zurück („Suprematie des planvollen Wollens“ [Weber 2016: 325]).

Auf dieser Grundlage entwickelte M. Weber ein soziologisches Verständnis von Rationalismus, das die Vorstellung von der Einheit und Absolutheit der Ratio als einen modernen Mythos entlarvt. Nach M. Weber kann unter Rationalismus nämlich „höchst Verschiedenes verstanden werden […]. Es gibt z. B. ‚Rationalisierungen‘ der mystischen Kontemplation, also: von einem Verhalten, welches von anderen Lebensgebieten her gesehen, spezifisch ‚irrational‘ ist, ganz ebenso gut wie Rationalisierungen der Wirtschaft, der Technik, des wissenschaftlichen Arbeitens, der Erziehung, des Krieges, der Rechtspflege und der Verwaltung“ (Weber 2016: 116). Unter R. versteht Weber die „einseitige Steigerung letzter Gesichtspunkte und Zielrichtungen“, und er führt aus: „Man kann jedes dieser Gebiete unter höchst verschiedenen letzten Gesichtspunkten und Zielrichtungen ‚rationalisieren‘, und was von einem aus ‚rational‘ ist, kann, vom anderen aus betrachtet, ‚irrational‘ sein“ (Weber 2016: 116). Das mündete in einer radikal neuen Sicht der Moderne. Deren Wesensmerkmale sind die Pluralisierung der Lebenssphären, ein säkularer „Polytheismus“ (Weber 1992: 99) der Werte, die damit einhergehende Auflösung eines allg. verbindlichen Weltbildes („Entzauberung der Welt“ [Weber 1992: 109]), eine sich allg. durchsetzende Bürokratisierung sowie die zunehmende Verwissenschaftlichung und Technisierung der sozialen Welt.

Der soziologische Begriff der R. bezeichnet einen zentralen Aspekt der gesellschaftlichen Modernisierung. Dieser basiert auf den Errungenschaften von Wissenschaft und Technik, der Durchdringung immer weiterer gesellschaftlicher Sphären durch die Logik der Ökonomie (Rentabilitätsprinzip), des Geldes (Kommerzialisierung und Monetarisierung) sowie des Kapitals (Profitmaximierung). Befördert wird der epochale Prozess außerdem durch Staatsbildung und Bürokratisierung (Bürokratie), Verwissenschaftlichung und eine zunehmende Ausbreitung von Management- und Selbstoptimierungstechniken (Management). Eine vorläufig letzte Stufe der R. geht mit der Durchdringung sämtlicher sozialer Systeme durch die modernen Informationstechnologien einher („Digitalisierung“). Ein anderer Indikator für fortschreitende R. der Gesellschaft ist die Vorherrschaft der Sozialfigur des Experten, die sich zur wichtigsten Gegenfigur zu Gesinnungspolitikern und Ideologen entwickelt hat.

II. Rationalisierung im wirtschaftlichen Prozess

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1. Begriff der Rationalisierung

R. bezeichnet eine Verbesserung der Effizienz und Produktivität als Verhältnis (Ratio) von Ausbringungsmenge (Output) und Einsatzgütermenge (Input). Das engere Verständnis im Kostenmanagement betont den Fall, dass die Produktivitätsverbesserung durch Einsparung des Inputs pro Outputeinheit erreicht wird. Insb. Investitionen in Anlagen und Prozesse mit dieser Zielsetzung werden auch als R.s-Investitionen (Investitionen) bezeichnet.

Im weiten Sinn zählen zur R. auch Verbesserungen, die durch andere Inputs (z. B. Ersatz von Metallen durch Kunststoffe; Ersatz von menschlicher Arbeit durch Maschinen und Roboter [ Robotik ]), andere Leistungsprozesse (z. B. Fließbandfertigung), qualitativ höherwertige Outputs (z. B. leistungsfähigere Prozessoren) oder andere Managementprozesse erzielt werden.

In dieser allg.en Form steht R. für eine rationale Entscheidungsfindung, bei der bisherige Entscheidungen bewusst korrigiert werden, so dass wieder eine optimale Situation hinsichtlich der aktuellen Rahmenbedingungen und Ziele vorliegt. In der Psychologie wird R. als Verhaltensmuster gesehen, demzufolge den eigenen Erfahrungen und Beobachtungen nachträglich rationale Erklärungen zugeschrieben werden, so dass kognitive Dissonanzen und Beeinträchtigungen der Selbstwahrnehmung verringert werden.

Die Bewertung solcher Produktivitätsverbesserungen hängt von der Art und Homogenität der Zielvorstellungen der Beteiligten bzw. Betroffenen ab. Positiv gesehen wird i. d. R. die Einsparung von Rohstoffen, Energieverbräuchen oder Schadstoffausstoßen durch R. Ambivalent werden Personaleinsparungen wahrgenommen, wenn einerseits Abteilungen, Standorte oder ganze Unternehmen „wegrationalisiert“ werden. Sie werden vielfach durch „Maschinenstürmerei“ oder Fabrikbesetzungen bekämpft. Anderseits verbessern solche R. vielfach die Überlebenschancen der übrigen Unternehmensbereiche.

2. Ökonomische Perspektive der Rationalisierung

Die Ökonomie untersucht vorwiegend R.s-Wirkungen ordnungspolitischer Rahmenbedingungen (Ordnungspolitik). In der Klassik sind dies die Entscheidungsautonomie und Kreativität von dynamischen Unternehmern (etwa im Nadel-Beispiel zur Arbeitsteilung bei Adam Smith, aber auch später im Innovationsmodell von Joseph Alois Schumpeter), in der Neoklassik die Beseitigung von Ineffizienzen durch den Wettbewerbsdruck (Wettbewerb) auf möglichst vollkommenen Märkten. Die Industrialisierung (Industrialisierung/Industrielle Revolution) des 18. und 19. Jh. ist das Ergebnis vielfältiger R.s-Impulse zur kostengünstigen Herstellung von Massenprodukten. Entspr. lassen sich hier zahlreiche technisch-ingenieurwissenschaftliche Ansätze finden.

3. Managementtechniken zur Rationalisierung

Für die systematische und kontinuierliche Suche nach R.s-Vorteilen in der Managementlehre (Management) stehen v. a. das Scientific Management (im Anschluss an Frederick Winslow Taylor 1911) oder der REFA (1924). Speziell die größenabhängigen R.s-Potenziale werden durch Lern- und Erfahrungskurven oder Skaleneffekte abgebildet. Die Vorteilhaftigkeit von R.s-Investitionen sind früher Gegenstand von Break-even-Analysen.

Seither wurden eine Reihe von Managementtechniken vorgeschlagen, die sich nach der Zielrichtung in Kostensenkungsansätze sowie in Ansätze der konstruktiven Unternehmensentwicklung oder nach der Vorgehensweise in inkrementell-evolutionäre Ansätze sowie in radikal-disruptive Ansätze einteilen lassen. Eher evolutionär i. S. zahlreicher kleiner, aber vergleichsweise kontinuierlicher Verbesserungen sind bspw. Target Costing, Reverse Engineering, Wertanalysen, Kaizen oder Qualitätszirkel; eher disruptiv durch grundsätzliches Infragestellen vorhandener Strukturen und Prozesse sind die Gemeinkostenwertanalyse, Zero-Base-Budgeting, Lean Management oder Business Reengineering. Die Kostenorientierung bzw. der Abbau von Ineffizienzen dominiert bei vielen R.s-Anlageninvestitionen oder bei Just-in-Time-Fertigung, Downsizing, Outsourcing oder Offshoring. Eher konstruktiv ausgelegt sind Techniken des Innovations-, des Change oder des disruptiven Managements.

4. Rationalisierung durch Vorgaben oder Partizipation

R.s-Strategien können auch nach der Partizipation bzw. dem Eingriff in die Autonomie der Beteiligten betrachtet werden. Sehr präzise wirken die Vorgabe direkter Maßnahmen (z. B. Kauf einer vollautomatischen Anlage bestimmten Typs) oder auch das Verbot bestimmter Einsatzgüter. Allerdings lassen sie den Beteiligten nur geringen Mitwirkungs- und Handlungsspielraum. Stärker partizipativen Charakter haben die Vorgabe von Produktivitäts- oder Kostenzielen (Target Costing) sowie die Vorgabe von Kostenbudgets für Leistungsprozesse oder eigener Budgets für R.s-Projekte. Sie setzen eher auf das Wissen um die besten Wege der Effizienzsteigerung und die Motivation der Beteiligten. Noch indirekter wirken Festlegungen von Rahmenbedingungen, wie die gezielte Verteuerung der Einsatzpreise für zu rationalisierende Güter (CO2-Zertifikate oder Steuern). Auch kommunikative Ansätze des Change Managements, etwa durch Leuchtturmprojekte, oder Strategien des Agenda-Setting (Industrie 4.0) lassen den Beteiligten einen großen Spielraum zur Abwägung und Weiterentwicklung der relevanten R.s-Ziele und eigener Interessen und Ideen, zur Entwicklung von R.s-Projekten und zur Umsetzung der entspr.en Maßnahmen.