Land- und Forstwirtschaft: Unterschied zwischen den Versionen

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O. Schmidt: Land- und Forstwirtschaft, II. Forstwirtschaft, Version 11.11.2020, 09:00 Uhr, in: Staatslexikon<sup>8</sup> online, URL: {{fullurl:Land- und Forstwirtschaft}} (abgerufen: {{CURRENTDAY2}}.{{CURRENTMONTH}}.{{CURRENTYEAR}})
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Aktuelle Version vom 4. Januar 2021, 12:22 Uhr

  1. I. Landwirtschaft
  2. II. Forstwirtschaft

Landwirtschaft (L.) ist die systematische Erzeugung von pflanzlichen und tierischen Produkten durch die Bewirtschaftung des Bodens und die Haltung von Tieren. Im Mittelpunkt steht die Versorgung des Menschen mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Die entspr.e, gelenkte Nutzung und Pflege des Waldes wird als Forstwirtschaft (F.) bezeichnet. Zusammen mit der Fischerei und dem Bergbau bilden L.- und F. den primären Sektor.

I. Landwirtschaft

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Grundlegende Produktionseinheit ist der landwirtschaftliche Betrieb. Damit wird eine Organisationseinheit bezeichnet, die ihre landwirtschaftliche Tätigkeit als technisch-wirtschaftliche Einheit mit einheitlicher Betriebsführung verfolgt. Diese Einheit kommt im Allgemeinen in der gemeinschaftlichen Nutzung der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit, Kapital und Humankapital zum Ausdruck. Der Boden schließt alle land- und forstwirtschaftlichen Nutzflächen sowie Hof und Gebäudeflächen ein und ist gleichzeitig der Produktionsstandort. Das Kapital umfasst den Bestand sämtlicher Gebäude, Maschinen und Hilfsmittel, die Tierbestände und immaterielle Betriebsmittel wie Produktionsrechte. Der Faktor Arbeit setzt sich aus den eingesetzten Arbeitskräften und der jeweils geleisteten Arbeitszeit zusammen, das Humankapital bildet die durch Ausbildung und Erfahrung gewonnene Leistungsfähigkeit der Arbeitskräfte. Zumeist bestehen landwirtschaftliche Unternehmen aus einem einzelnen Betrieb. In diesem Fall verkörpert der Betriebsinhaber gleichzeitig den Unternehmer. Betriebsformen und Agrarstrukturen sind global stark differenziert. Die Spannbreite geht von einer Vielzahl an Kleinstbetrieben zur überwiegenden Eigenversorgung (Subsistenz), über kleine und mittlere, oft familiengeführte Betriebe, bis hin zu großen und sehr großen landwirtschaftlichen Unternehmen mit ausschließlich marktorientierter Produktion. Schätzungen der FAO zufolge existieren weltweit ca. 570 Mio. landwirtschaftliche Betriebe. Die überwiegende Zahl (84 %) sind Kleinstbetriebe mit weniger als 2 ha Flächenausstattung; sie bewirtschaften lediglich 12 % der weltweit verfügbaren landwirtschaftlichen Nutzfläche. Knapp drei Viertel aller Betriebe finden sich in Asien; auf Afrika und den mittleren Osten entfallen 12 %, auf Osteuropa und Zentralasien weitere 7 %. Lediglich jeweils 4 % aller landwirtschaftlichen Betriebe verteilen sich auf die Gruppe der Industriestaaten und Lateinamerika, deren Agrarstruktur durch vergleichsweise große Betriebe geprägt ist. Diese Divergenz nimmt global weiter zu. Während die Betriebsgrößen in Industriestaaten aufgrund positiver Skaleneffekte und der überproportionalen Aufgabe kleiner Betriebe kontinuierlich wachsen, ist v. a. in dicht besiedelten Entwicklungsländern ein Schrumpfen der Betriebe zu beobachten. Hauptfaktor sind Betriebsteilungen aufgrund des laufenden Bevölkerungswachstums. Die kleinbäuerlichen Subsistenzbetriebe sind insb. in den Entwicklungsländern der Grundpfeiler der Nahrungsmittelversorgung. Subsistenz-L. ist zwar weniger abhängig von indirekten Faktoren wie funktionierender Infrastruktur oder Marktveränderungen; umso stärker wirken sich jedoch direkte Faktoren wie lokale Wetterextreme, Pflanzenkrankheiten oder Schädlinge auf die Versorgungssituation der Bevölkerung aus.

Die Entwicklung der regionalen Agrarstruktur und vorherrschende Produktionsrichtungen hängen zum einen von naturgeografischen Voraussetzungen wie klimatischen Bedingungen, Bodeneigenschaften und Relief ab, zum anderen von anthropogenen Faktoren wie dem Entwicklungsstand der Volkswirtschaft und der verfügbaren Agrartechnik, regionalen Traditionen und Nachfragepräferenzen und (agrar-)politischen Entscheidungen.

In den gemäßigten Klimazonen sind Ackerbau und Tierhaltung mit dazugehörigem Futterbau und Weidewirtschaft vorherrschende landwirtschaftliche Produktionszweige. Die wichtigsten Ackerkulturen sind Getreide, Ölsaaten, Hackfrüchte und Körnerleguminosen. In der Tierhaltung dominieren stall- und weidegebundene Rinder- und Milchviehhaltung sowie die Schweine- und Geflügelhaltung. Dazu kommen Gartenbau im Freiland oder unter Glas und Dauerkulturen. Die mediterrane Form der L. findet sich in westseitig gelegenen Übergangsgebieten zwischen gemäßigtem und tropischem Klima mit trockenen, heißen Sommern und regenreichen, milden Wintern. Sie ist geprägt von Baum- und Strauchkulturen (z. B. Zitrusfrüchte, Oliven, Mandeln, Feigen) und Weinbau, dem Anbau von Gemüse – oft auf Bewässerungsflächen – und Getreide als Regenfeldbau. In den ostseitig gelegenen, immerfeuchten Subtropen fallen Niederschläge über das Jahr verteilt mit Maxima in den warmen Sommermonaten. Die landwirtschaftliche Nutzung ist hochproduktiv, wichtige Ackerkulturen sind Sojabohnen, Hirse und Reis sowie Baumwolle und Tabak. Die Landbewirtschaftung in den Tropen ist von hohen Niederschlagsmengen, ganzjährig hohen Temperaturen und geringen Unterschieden in der Tageslänge geprägt. Typische Kulturen, überwiegend zur Eigenversorgung sind u. a. Mais, Hirse und Hülsenfrüchte, Maniok, Yams, Süßkartoffeln und Kochbananen. Im exportorientierten Plantagenanbau werden u. a. Bananen, Kakao, Kaffee, Zuckerrohr und Kautschuk erzeugt. Seit den 1990er Jahren werden in großem Umfang Ölpalmenplantagen angelegt. In Indonesien und Malaysia haben sich Produktion und Export von Palmöl zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt, der die dortige L. prägt. Von bes.r Bedeutung ist der v. a. in Südostasien verbreitete Nassreisanbau, der sich durch seine hohe Flächenproduktivität auszeichnet. Große züchterische Fortschritte im Rahmen der sog.en Grünen Revolution ab Mitte der 1960er Jahre, führten innerhalb weniger Jahre zu großen Ertragszuwächsen. Dies hat erheblich zur Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung in Asien beigetragen. Heute stellt Reis für etwa die Hälfte der Menschheit das wichtigste Grundnahrungsmittel dar. In Trockenregionen dominiert extensive Viehhaltung. Aride Gebiete mit weniger als 300 Millimeter Jahresniederschlag werden in mobiler Fernweidewirtschaft ganzjährig oder saisonal genutzt. Höhere Niederschläge lassen auch stationäre Weidehaltung zu, oft in Verbindung mit Feldbau zur Eigenversorgung. Weite Teile Nord- und Südamerikas und Australiens sind durch die marktorientierte Form der stationären Weidehaltung mit großräumigen Einzäunungen und Weidemanagement geprägt.

1. Sonderstatus der Landwirtschaft

Aufgrund ihrer bes.n Bedeutung für Mensch und Gesellschaft und ihrer engen Verknüpfung zu Natur und Umwelt nimmt die L. als Wirtschaftssektor einen Sonderstatus ein. Ein Merkmal dessen ist das breite gesellschaftliche Interesse an direkt die L. betreffenden Themen, wie Versorgungs- und Lebensmittelsicherheit oder die Art und Weise landwirtschaftlicher Produktion. Weitere Charakteristika sind die v. a. in Industriestaaten typischen staatlichen Subventionen und der hohe Grad an Regulierung, der der Agrarsektor ausgesetzt ist. Diese ist nicht nur auf die Agrarpolitik selbst beschränkt, sondern umgreift auch die Politikfelder Umwelt, Energie, Handel, Regionalentwicklung und Ernährung.

Landwirtschaftliche Produktion ist an die Natur gebunden. Das Portfolio pflanzlicher und tierischer Produktionsmöglichkeiten ist direkt abhängig von den naturgeografischen Voraussetzungen des jeweiligen Standorts, die (zumindest für den einzelnen Landwirt) zum Großteil als unveränderbar gelten müssen. Sie basiert im Wesentlichen auf organischen Wachstumsprozessen, die je nach Kulturpflanze oder Tierart mehrere Wochen bis Jahre dauern und an den saisonalen Produktionszyklus des Standorts gebunden sind. Der Landwirt kann auf den eigentlichen Produktionsprozess nicht direkt einwirken; sein Einfluss ist darauf beschränkt, für möglichst optimale Wachstumsbedingungen zu sorgen. Hierin liegt ein wesentlicher Unterschied zur industriellen Produktion, in der Produktionsprozesse hochgradig mechanisiert werden können. In der L. hingegen beschränkt sich die Mechanisierung allein auf Unterstützung und Ersatz der eingesetzten Arbeitskraft, um durch hohe betriebliche Schlagkraft Arbeitsspitzen zu bewältigen, die für die zyklische, landwirtschaftliche Produktion typisch sind. Erfolgen bspw. in der pflanzlichen Erzeugung Aussaat, Pflanzenschutzmaßnahmen oder Ernte nicht zum optimalen Zeitpunkt, kann dies zu Ertragsminderung und Qualitätsverlusten bis zum Komplettverlust der Ernte führen. Dies trägt zur hohen Kapitalintensität der L. bei. Während Boden und Tierbestand direkt wertschaffend wirken, erfüllen Wirtschaftsgebäude und Maschinen nur eine den Produktionsvorgang unterstützende Funktion. Gleichzeitig ist die Einsatzmöglichkeit vieler Maschinen üblicherweise auf wenige Tage oder Wochen im Jahr begrenzt.

Die landwirtschaftliche Produktion und damit das am Markt verfügbare Angebot ist im erheblichen Ausmaß von natürlichen Faktoren abhängig, die nicht oder nur z. T. dem Einfluss des Landwirts unterliegen (Witterungsbedingungen, Tier- und Pflanzenkrankheiten, Schädlinge). Gleichzeitig kann die landwirtschaftliche Produktion durch die natürlichen Produktionszyklen nur mit Verzögerung auf Schwankungen bei Nachfrage und Angebot sowie auf Preissignale reagieren. Dies führt zusammen mit der geringen Preiselastizität der Nachfrage nach Nahrungsmitteln zu überproportional hohen Preisschwankungen mit oft zyklisch wiederkehrendem Charakter.

Die bes. Bedeutung der L. ergibt sich in erster Linie aus der Unverzichtbarkeit der produzierten Lebensmittel. Die L. erzeugt jedoch auch nachwachsende Rohstoffe. Dazu gehören im Rahmen der stofflichen Verwertung z. B. pflanzliche und tierische Faserstoffe zur Herstellung von Textilien. Auch als Grundstoffe der chemischen und pharmazeutischen Industrie sind biogene Rohstoffe von großer Bedeutung. Vor dem Hintergrund der Endlichkeit fossiler Energieträger und deren Beitrag zum anthropogenen Klimawandel wurde seit der Jahrtausendwende die energetische Verwertung von Agrarrohstoffen stark ausgebaut. Neben dem Klima- und Ressourcenschutz spielen und spielten v. a. in exportorientierten Agrarregionen auch ökonomische Argumente eine wichtige Rolle. Der Energiemarkt sollte als zusätzlicher Absatzkanal für Agrarrohstoffe erschlossen werden, um überschüssige Produktionsmengen rentabel verwerten zu können. Gleichzeitig sollte durch die Veredelung der Agrarrohstoffe ein höherer Anteil der Wertschöpfung innerhalb eines Landes verbleiben.

Die Implementierung verpflichtender Beimischungsquoten für Biokraftstoffe, insb. in den USA und der EU, führte zusammen mit einem günstigen Marktumfeld zu einer schnellen Ausdehnung der Produktion. Zwischen 2000 und 2017 wurde die weltweit produzierte Menge von 10 Mio. Tonnen auf 84 Mio. Tonnen Erdöläquivalent mehr als verachtfacht. Insgesamt gelten im Jahr 2017 in 64 Staaten Beimischungsquoten für Bioethanol und Biodiesel.

In Deutschland hat die Erzeugung von Biogas als zusätzlicher Betriebszweig große Bedeutung erlangt. Als Substrat kommen in landwirtschaftlichen Biogasanlagen tierische Exkremente und Energiepflanzen (v. a. Maissilage) zum Einsatz. Biogas wird größtenteils zur Strom- und Wärmeerzeugung in direkt angekoppelten Blockheizkraftwerken genutzt. Die Abwärme kann zum Heizen oder für Trocknungsprozesse genutzt werden. Die Anbaufläche für nachwachsende Rohstoffe in Deutschland stieg von ca. 700 000 ha im Jahr 2000 auf 2,65 Mio. ha im Jahr 2017. Dies entspr. ca. 21 % der deutschen Ackerfläche. Davon entfallen 1,35 Mio. ha auf Energiepflanzen zur Biogaserzeugung und knapp 1 Mio. ha auf Rohstoffe für Biokraftstoffe.

Der steigende Anteil der globalen landwirtschaftlichen Erzeugung, der nicht mehr für die menschliche Ernährung bzw. als Futtermittel zur Verfügung steht, sondern in die Produktion von Bioenergie fließt, wird zunehmend kritisch gesehen. Historisch starke Preissteigerungen, die ab dem Jahr 2007 auftraten und v. a. in Entwicklungs- und Schwellenländern Preiskrisen bei Nahrungsmitteln auslösten, wurden z. T. auch der neuen, sehr unelastischen Nachfragekomponente Bioenergie zugeordnet. Darüber hinaus wird ihr ökologischer Nutzen verstärkt in Zweifel gezogen. Zum einen steht der intensive Inputeinsatz (Treibstoff, Düngemittel, Pflanzenschutzmittel) in der Kritik, zum anderen die Flächenkonkurrenz zum Anbau von Nahrungs- und Futtermitteln und die dadurch induzierte Landnutzungsänderung.

Die L. spielt in der Entwicklung von Volkswirtschaften eine gewichtige Rolle. Während der sekundäre (Industrie, Handwerk usw.) und im weiteren Verlauf v. a. der tertiäre Sektor (Dienstleistung, Information, Kommunikation) an Bedeutung gewinnen, geht die Bedeutung der L. zurück. Diese Transformation von einer Agrargesellschaft, in der ein Großteil der Arbeitskraft der Bevölkerung in der L. gebunden ist, zur Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft ist eine der Grundlagen steigenden Wohlstands. Der rückläufige Anteil der L. an Wirtschaftsleistung und Erwerbstätigkeit ist maßgeblich auf die Kombination zweier Faktoren zurückzuführen: die niedrige Einkommenselastizität der Nachfrage nach Lebensmitteln begrenzt den Konsum. Dieser als Engelsches Gesetz bekannte Zusammenhang beschreibt, dass bei steigendem Einkommen die Nachfrage nach Lebensmitteln weniger stark wächst als die Nachfrage nach nichtlandwirtschaftlichen Gütern. Zusammen mit dem anhaltend hohen technischen Fortschritt, der in der L. größtenteils aus Verfahrensinnovationen besteht, führt dies dazu, dass Arbeitskräfte freigesetzt werden und in andere Wirtschaftszweige mit höherem Entlohnungspotential abwandern. Deutschland befindet sich, wie die meisten Industriestaaten, in der Spätphase dieser Entwicklung.

StL 8 bd3 Landwirtschaft abb1.png

Um das Jahr 1900 waren noch 38 % der Erwerbstätigen in Deutschland in der L. beschäftigt. Dieser Anteil ging bis Anfang der 1950er Jahre auf etwa 24 % zurück und sank bis zum Ende der 2010er Jahre kontinuierlich weiter auf 1,4 %. Im gleichen Zeitraum schrumpfte der Anteil der L. an der Bruttowertschöpfung von 29 % auf unter 1 % (Abb. 1).

< 5 5-20 20-50 50-100 > 100 Insgesamt
Betriebe1 Fläche2 Betriebe Fläche Betriebe Fläche Betriebe Fläche Betriebe Fläche Betriebe Fläche
1949 1003,9 2330,4 660,0 6403,3 112,4 3244,0 12.6 817.3 2.9 544.1 1791.8 13339.2
1960 732,9 1669,5 629,5 6473,7 122,0 3504,5 13.7 884.5 2.6 450.1 1500.7 12982.3
1971 363.7 949.4 466.2 5197.6 166.7 4787.6 17.9 1154.5 3.2 532.7 1017.7 12621.8
1981 250.9 641.1 320.8 3615.8 176.4 5320.7 27.8 1797.9 4.6 736.4 780.5 12111.9
1991 182.3 457.8 225.6 2535.7 153.1 4808.0 44.4 2950.4 11.9 6277.1 617.3 17029.1
2001 103.6 260.9 150.0 1712.8 101.8 3345.4 54.5 3777.4 26.3 7881.1 436.1 16977.6
2010 27.5 54.5 111.1 1297.5 76.7 2565.4 51.9 3650.6 33.8 9223.2 301.1 16791.4
2016 23.6 41.8 101.5 1179.5 66.4 2219.5 48.0 3395.1 36.6 9879.6 276.1 16715.3

1Zahl der Betriebe in 1000 2Fläche in 1000 ha
Tab. 1: Struktur landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland (vor 1991 früheres Bundesgebiet)
Quelle: StBA

Die Änderung der Betriebsstrukturen in Deutschland spiegelt diese Entwicklungen wider. Im Jahr 1949 existierten auf dem Gebiet der damaligen BRD knapp 1,8 Mio. landwirtschaftliche Betriebe. Bis ins Jahr 2016 ging die Zahl der Betriebe im wiedervereinigten Deutschland auf 276 000 zurück, während die durchschnittliche Betriebsgröße auf über 60 ha stieg. Die Wachstumsschwelle, d. h. die Betriebsgröße, oberhalb derer die Zahl der Betriebe steigt, hat sich mit der L.s-Zählung des Jahres 2010 auf über 100 ha verschoben (Tab. 1).

Die Produktion wird zunehmend professionalisiert. Neben den hohen produktionstechnischen Anforderungen, den Auflagen zahlreicher Qualitätsprogramme sowie den umfangreichen Dokumentationspflichten erfordern die liberalisierten Agrarmärkte Kenntnisse und Strategien für Vermarktung und Risikomanagement. Betriebswachstum ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit der Einkommensverbesserung. Viele landwirtschaftliche Betriebe werden im Nebenerwerb geführt oder bauen neue Betriebszweige auf, die nicht originär der landwirtschaftlichen Produktion zuzuordnen sind, die jedoch typische Ressourcen eines landwirtschaftlichen Betriebes nutzen (Diversifizierung). Dazu gehören die Erzeugung erneuerbarer Energien, die Erledigung von Kommunalaufgaben sowie Direktvermarktung und Urlaub auf dem Bauernhof.

Während die volkswirtschaftliche Bedeutung der L. in Industriestaaten immer weiter zurückgeht, bleibt ihre gesellschaftliche Bedeutung hoch, wenn auch mit verschobenem Schwerpunkt. Lag im Europa der Nachkriegszeit der gesellschaftliche und politische Fokus noch auf der Sicherstellung der Versorgung, sind heute Ressourcenschutz sowie ein an Nachhaltigkeitszielen orientierter Umgang mit Umwelt und Nutztieren in den Vordergrund gerückt.

Für den Einzelbetrieb stehen betriebliche Produktionsfaktoren im Mittelpunkt einer rationellen, ökonomisch nachhaltigen Betriebsführung; fruchtbare Ackerböden sollen erhalten, Weideland vor Überweidung und Degradation geschützt und der Tierbestand gesunderhalten werden.

Aus gesellschaftlicher Perspektive kommen allerdings mögliche negative aber auch positive Effekte landwirtschaftlicher Aktivität hinzu, deren Wirkung sich nicht auf die Betriebe und den Sektor selbst beschränkt, sondern die Allgemeinheit als Ganzes betreffen. Dazu zählen Gefahren für Umwelt und Trinkwasser durch den Eintrag von Nährstoffen und Pflanzenschutzmitteln in Gewässer und Grundwasser oder der Beitrag zur Luftverschmutzung z. B. durch Ammoniakemissionen. Nährstoffeinträge in Ökosysteme und Landnutzungsänderungen gehören zu den Hauptrisikofaktoren für den Erhalt der Artenvielfalt (Biodiversität). Darüber hinaus trägt die L. erheblich zum anthropogenen Klimawandel bei. Umgekehrt können dahingehend bes. angepasste Wirtschaftsweisen oder bes. tiergerechte Haltungsformen als positiver Beitrag der L. für die Allgemeinheit interpretiert werden. Dazu zählt auch die Gestaltung und Offenhaltung einer Kulturlandschaft, die von vielen Menschen als bes. attraktiv empfunden wird und sich durch eine hohe Struktur- und Artenvielfalt auszeichnet. Insb. in strukturschwachen Regionen bildet der Agrarsektor zudem eine wichtige Stütze des Arbeitsmarktes und trägt zusammen mit vor- und nachgelagerten Unternehmen zum Erhalt eines vitalen ländlichen Raumes bei. Solche positiven bzw. negativen Effekte, deren Nutzen und Kosten für die Allgemeinheit sich nicht in den Marktpreisen der Güter und Dienstleistungen niederschlagen an deren Erstellung sie gekoppelt sind, werden externe Effekte genannt.

Die Entwicklung der L. in den vergangenen 200 Jahren ist trotz der unbestreitbaren Herausforderungen in Tier-, Umwelt- und Ressourcenschutz eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Bis in das Zeitalter der Industrialisierung (Industrialisierung, Industrielle Revolution) hinein war die Arbeitskraft fast der gesamten Bevölkerung in der L. gebunden. Dennoch war die Verfügbarkeit von Nahrung das zentrale Problem menschlichen Überlebens. Im Zeitraum zwischen 1800 und 2015 hat sich die Weltbevölkerung von etwas unter 1 Mrd. auf über 7,2 Mrd. Menschen mehr als versiebenfacht. Gleichzeitig konnte durch die enorme Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität die globale Versorgungssicherheit umfassend verbessert werden. Der Schlüssel für eine nachhaltige Weiterentwicklung der L. kann damit nicht in der Rückkehr zu sog.en traditionellen Produktionsformen liegen, die weitestgehend auf die Errungenschaften und Erkenntnisse der modernen (Agrar-)Wissenschaften verzichten. Vielmehr sollte ihr zukunftsorientierter, sachgerechter Einsatz angestrebt werden, der es ermöglicht, Umweltschäden soweit wie möglich zu begrenzen und natürliche Ressourcen zu schützen, der jedoch gleichzeitig weiterhin das Ziel verfolgt, eine steigende Weltbevölkerung mit hochwertigen Nahrungsmitteln zu versorgen.

II. Forstwirtschaft

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F. hat die Aufgabe, Waldökosysteme bzw. Wälder so zu verändern, dass bestimmte menschliche Bedürfnisse, z. B. nach Holz oder Dienstleistungen, erfüllt werden können. Dabei zeichnet eine planvolle F. die langen Produktionszeiträume, z. T. über Jahrhunderte, und die Standortgebundenheit aus. Knapp 31 % der weltweiten Landfläche sind mit „Wäldern“ bedeckt. Zwischen den Wendekreisen liegt der Gürtel des Tropischen Regenwaldes mit rund 1,8 Mrd. ha, was ca. 45 % der Waldfläche der Erde entspricht. In den subtropischen Gebieten herrschen Wälder mit Hartlaubgehölzen vor, so z. B. im Mittelmeerraum, in der Kapregion und in Südwestaustralien (rund 320 Mio. ha). In den gemäßigten Breiten liegt das Hauptvorkommen der sommergrünen Laubwälder (rund 680 Mio. ha). Im Norden schließt sich mit einer Fläche von rund 1,2 Mrd. ha der Gürtel der borealen Nadelwälder an. Dieser Nadelwaldgürtel erstreckt sich von Skandinavien über ganz Russland und Nordsibirien bis nach Alaska und Kanada und nimmt mehr als 35 % der weltweiten Waldfläche ein.

In der EU sind 42 % bzw. 177 Mio. ha mit Wald bedeckt. In Mitteleuropa wurde der größte Teil der Flächen der Wälder für die L. und Siedlungsgebiete des Menschen genutzt. Deutschland besitzt eine Waldfläche von rund 11 Mio. ha und einen Waldanteil von 33 %. Seine Wälder sind mit einem Durchschnittsvorrat von 336 Festmeter pro ha sehr vorratsreich. Sie bestehen zu 54 % aus Nadelbäumen, zu 44 % aus Laubbäumen. In den letzten Jahrzehnten wurden große Anstrengungen unternommen, naturferne, labile Fichten- und Kiefernreinbestände in stabile klimatolerante Mischwälder umzuwandeln.

Holz ist der wichtigste nachwachsende Rohstoff. Der Gesamtvorrat an Holz in der EU beträgt rund 24 Mrd. Kubikmeter, davon weist Deutschland mit rund 3,7 Mrd. Kubikmeter den höchsten Anteil auf. EU-weit werden jährlich etwa 425 Mio. Kubikmeter Rundholz produziert. Etwa 50 % davon sind Sägerundholz und Furnierholz, ca. 30 % Industrieholz (z. B. für Zellstoff- und Spanplattenproduktion), ca. 20 % Energieholz. Der Forstsektor bietet in der EU rund 2,8 Mio. Menschen Arbeit. In Deutschland werden jährlich rund 67 Mio. Kubikmeter Rundholz eingeschlagen. Zusammen mit Schweden, Finnland und Frankreich zählt es zu den vier größten Holzproduzenten der EU. Deutschlandweit sind im Cluster Forst-Holz etwa 1,1 Mio. Menschen beschäftigt. Die deutsche Forst- und Holzwirtschaft verzeichnet eine jährliche Bruttowertschöpfung von rund 55 Mrd. Euro.

1. Gefährdungen der Wälder

In den tropischen Regenwäldern sind große Flächenverluste zu beklagen. So gingen im Zeitraum von 1990 bis 2000 jährlich über 8 Mio. ha in Südamerika und Afrika verloren. Die wichtigsten Faktoren bei der Vernichtung der Tropenwälder sind Brandrodung, Infrastrukturmaßnahmen für die Energiegewinnung und den Abbau von Bodenschätzen und die Holznutzung. In Europa waren die Wälder insb. in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts durch hohe Schwefeldioxid-Emissionen gefährdet. Die intensiven Diskussionen um „neuartige Waldschäden“ und „Waldsterben“ führten z. B. in der BRD zur Einführung der Großfeuerungsanlagen-VO und damit zur Entschwefelung der Kohlekraftwerke. Seit über zwei Jahrzehnten ist ein deutlicher Rückgang der Schwefeldioxid-Emissionen festzustellen. Die Gefährdung der borealen Nadelwälder besteht insb. in der Exploitation bzw. dem Raubbau. Bereits heute stammen weltweit über 50 % des Papiers, 35 % der Cellulose und 38 % des Schnittholzes aus nordischen Wäldern. Jährlich verschwinden hier mehr als 4 Mio. ha. Dabei muss bedacht werden, dass die meisten borealen Wälder unter ungünstigen Klimaverhältnissen und dementsprechend langsam wachsen. Insb. seit den 90er Jahren tritt als neue, weltweite Gefährdung der Klimawandel und die damit verbundene Erderwärmung hinzu. Die F. kann die Wälder nur mittelfristig durch geeignete Baumartenwahl anpassen. In Wäldern sind 80 % der pflanzlichen Biomasse der Welt gebunden. Insb. im Holz und im Waldboden sind große Mengen Kohlenstoff festgelegt. Wälder können also zur Entlastung der CO2-Problematik beitragen.

2. Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft

Langfristigkeit des Handelns und Abhängigkeit von den natürlichen Bedingungen erfordern bei einer planvollen F. bes. Beachtung der Nachhaltigkeit. Bereits im Mittelalter gab es erste Vorstellungen von der Idee der Zukunftsvorsorge in der Waldnutzung. Hier ist v. a. Peter Stromer aus Nürnberg zu nennen, der 1368 eine erfolgreiche Technik entwickelte, Nadelbäume zu säen. Der Begriff selbst wurde erstmals von dem sächsischen Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz geprägt. H. C. von Carlowitz versuchte die Rohstoffbasis zu sichern und forderte in seiner „Sylvicultura oeconomica“ „eine continuierliche beständige und nachhaltige Nutzung“ (1713: 150). Das Bemühen darum beschränkte sich zunächst weitgehend auf die Holzerzeugung. H. C. von Carlowitz hat aber bereits mit erstaunlichem Weitblick das heute weltweit diskutierte Leitbild entwickelt: Den angemessenen Ausgleich zwischen dem Schutz der natürlichen Umwelt, der sozialen Verantwortung und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Das spiegelt sich in der Definition der „Ministerkonferenz zum Schutz der Wälder in Europa“ (Helsinki, 1993) wider: „Die Signatarstaaten stimmen darüber überein, dass nachhaltige Bewirtschaftung die Betreuung von Waldflächen und ihre Nutzung in einer Art und Weise bedeutet, die die biologische Vielfalt, die Produktivität, die Verjüngungsfähigkeit, die Vitalität und die Fähigkeit, gegenwärtig und in Zukunft wichtige ökologische, wirtschaftliche und soziale Funktionen auf lokaler, nationaler und globaler Ebene zu erfüllen, erhält und anderen Ökosystemen keinen Schaden zufügt“ (Abs. D Res. „H1. General Guidelines for the Sustainable Management of Forests in Europe“).

Wichtigste Voraussetzung für nachhaltige F. ist eine Gesellschaft, die den Wald und seine Leistungen wertschätzt. Als Ausdruck dieser Wertschätzung schafft die Politik Rahmenbedingungen, die die Walderhaltung und eine nachhaltige F. unterstützen. Hierzu zählen insb. der rechtliche Rahmen, funktionsfähige und kompetente Fachbehörden, forstliche Ausbildungs- und Forschungseinrichtungen, staatliche Beratungs-, Fortbildungs- und Förderangebote für private Waldbesitzer.