Ritual

Der Ausdruck „R.“, wie er heute in Ethnologie, Anthropologie, den Sozial- und Kulturwissenschaften gebraucht wird, leitet sich ab aus dem lateinischem ritualis, „den religiösen Brauch betreffend“, fand Eingang in die christliche Liturgie (vgl. das „Rituale Romanum“ von 1614) und wurde seitdem verstanden als kirchliches Zeremoniell, das einer gleichbleibenden Ordnung folgt. Seine Übertragung auf jegliches, einer bestimmten Ordnung folgendes Brauchtum von der Magie über Zeremonialhandlungen in Religionen, am Hof, in der Politik und im Alltag prägt den diffusen, auch umgangssprachlichen Gebrauch dieses Ausdrucks. Die Psychologie, hier charakterisiert der Ausdruck „R.“ stereotypes, starres, oft zwanghaftes Verhalten, und die Verhaltensforschung verwenden ihn weitgehend als Beobachtungskategorie, während Ethnologie und Anthropologie ihn zur Kennzeichnung spezifischer außeralltäglicher Gemeinschaftshandlungen, z. B. der „rites de passage“ (van Gennep 1981), einsetzen. Im Folgenden dient der Ausdruck „R.“ der Beschreibung und Typisierung menschlicher Verhaltensmuster.

Erst Formung macht aus kollektiven Empfindungen und Ahnungen einen Glauben, der sich auf Dauer stellen lässt. Eine der Formen, auf die sich Glaube und gefestigte kollektive Überzeugungen stützen können, ist das R. Es ist zentraler Bestandteil alter und neuer Versuche mythischer „Weltbewältigung“ durch „symbolische Formung“ (Soeffner 2010) der Wirklichkeit. Als Aktionsform des Symbols verlangt es Tätigkeit, wo andere Symbole ihre Kraft und Wirkung aus der fixierten Gestalt ziehen. R.e repräsentieren damit Ordnungen, die im Handeln (Handeln, Handlung) immer wieder hergestellt werden müssen. Sie formen und disziplinieren das Verhalten, machen es überschaubar und vorhersagbar.

Anders als Verhaltensgewohnheiten und Routinen, die uns ebenfalls entlasten und Orientierungssicherheit suggerieren, erzeugen R.e, verdeckt oder deutlich sichtbar, die Aura des „Heiligen“. Sie sind aktive Grenzziehungen zwischen einzelnen Individuen, einem Individuum und anderen Menschen, zwischen unterschiedlichen Gruppen und Gemeinschaften, aber auch zwischen einem bewusst gestalteten Image und der „puren“ äußeren Erscheinung einer Person, zwischen dem „Privaten“ und dem „Öffentlichen“, zwischen Meinung und Glauben, zwischen alltagspraktischen Routinen und einem Handeln, in dem sich die Achtung vor dem eigenen Selbst, vor Mitmenschen, Dingen, Überzeugungen oder „der Welt“ „anzeigt“. R.e sind also Repräsentanten überhöhter oder als heilig dargestellter Ordnungen. Aus diesem Grund traut man ihnen auch gegenwärtig wieder heilende, ordnungsstiftende Kräfte zu.

Sich in rituellen Konventionen „richtig“ zu bewegen, verlangt von jedem Einzelnen die Beherrschung der jeweiligen „rituellen Idiome“ (Goffman 1972: 226): die Kenntnis der Verknüpfung der unterschiedlichen R.e nach gesellschaftlichen Regeln und „Sprachspielen“. R.e suggerieren Sicherheit: Sie sind standardisierte, erlernte und vorweg reagierende, kollektiv formalisierte Bewältigungsmechanismen für Unbekanntes: Orientierungsvorgaben in unsicherem Gelände. Als durchgeformtes, vorhersagbares, in gewisser Weise kalkulierbares, Orientierungssicherheit gewährleistendes Verhalten ist das R. ein Verwandter des rationalen Kalküls.

Durch seinen Formalismus schafft das R. einerseits Distanz zu „spontanem“, affektivem Verhalten. Andererseits wirkt es ebenso als Auslöser (symbolisch) vorgeformter Ausdruckshandlungen, die ihrerseits Emotionen erzeugen, steuern und koordinieren. Versteht man mit der Verhaltensforschung unter einem „R.“ die Festlegung einer Aktions- bzw. Reaktionsabfolge mit Signalwirkung, rituelle Verhaltenselemente also als sequentiell festgelegte und durchstrukturierte Schlüsselreize für Mitglieder der gleichen Art, so erkennt man die biologische, kulturübergreifende Basis rituellen Verhaltens.

Im kulturell geformten Kollektiv-R. als anonymisiertem Kommunikationsmedium verrichtet jeder Einzelne seinen Part im kollektiven Ensemble und erfüllt die von ihm verlangte Handlungsnorm, ohne dass die Norm expliziert würde oder der Normgeber erkennbar wäre: Wissen um die Form des Handelns bei gleichzeitigem Nichtwissen oder nur vager Ahnung um Inhalt, Ziel und Funktion des Handelns zeichnet Kollektiv-R.e umso mehr aus, je weiter diese sich von ihren ursprünglichen Anlässen und Entstehungssituationen entfernt haben. Deshalb legt man gerade bei „alten“, „ehrwürdigen“ R.en größten Wert darauf, dass sie exakt ausgeführt werden: in dem magischen Glauben daran, dass die Exaktheit der Form – jenseits diskursiver Begründungen – allein aus sich heraus Macht entfalten und das Vergangene immer aufs Neue zum Leben erwecken könne.

Rituelles Handeln zwingt denen, die sich ihm ausliefern, vorgeformte Ordnungen und Affekte auf: Wer sich in ein Kollektiv-R. hineinbegibt, riskiert, sich Kollektivemotionen auszuliefern und wer sich dem Kollektiv-R. sichtbar verweigert, riskiert, von der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. R.e können also einerseits durch einen Ritus und die in ihm symbolisch vorgestellte heilige Welt, die Gläubigen im symbolischen Handeln „heiligen“ und mit Ehrfurcht erfüllen; andererseits können sie Menschen in vorstrukturierte Aggressionsketten hineinreißen, Hemmungen beiseiteschaffen und den „Kollektivkörper“ zu vorgeformter Gewalt scheinbar „legitimieren“: Die Geschichte der Menschheit wird begleitet von R.en des Helfens, Aufopferns, Heiligens, Pflanzens, Bewahrens, Schützens und der Gastfreundschaft, aber ebenso von R.en des Kampfes, der Vernichtung, des Opferns, Mordens, Hinrichtens, Schlachtens, kurz: rituell geordneter und „geheiligter“ Destruktion.

Eine entscheidende Leistung des R.s besteht darin, dass es denjenigen, die sich ihm und seiner Handlungsordnung ausliefern, implizit eine Handlungslegitimation, eine irreflexible Moral zur Verfügung stellt, die sich diskursiver Begründung verweigert. Das erklärt die Fassungslosigkeit, der sich ein Außenbeobachter gegenüber rituell ausgeübter Brutalität oder Abstrusität ausgesetzt sieht. An solchen Extremfällen lässt sich das Zusammenspiel von Risiko, Kalkül und Ordnungsstiftung bes. gut erkennen. Der rituelle Aufwand, den etwa Soldaten, Faustkämpfer, Extremsportler oder Hooligans vor einem „Einsatz“ betreiben, verweist darauf, dass R.e Risiken als kalkulierbares Wagnis erscheinen lassen, das die Bedrohung des Lebens und der Gesundheit mindert und moralische Legitimation minimiert.

Dementsprechend sind nahezu alle Arten von Totalitarismus geprägt durch einen kollektiven Hyperritualismus: durch eine augenfällig inszenierte rituelle Disziplinierung der Gesellschaft. Faktisch vorhandene, unterschiedliche und miteinander konkurrierende Interessen, Ansichten, Zwecke werden im kollektiven Ritualismus sichtbar beiseite geräumt. Er stellt sie unter die Herrschaft zentraler Symbole und der mit ihnen verbundenen, vorgeformten, kollektiven Handlungsmuster.

In pluralistisch strukturierten Gesellschaften dagegen ist eine solche Vereinheitlichung ohne Zwang nicht zu schaffen. Solche Gesellschaften sind gekennzeichnet durch Symbol- und R.-Konkurrenzen, die einerseits die – illusionäre – Sehnsucht nach einheitsstiftenden Kollektiv-R.en oder andererseits einen Antiritualismus fördern.