Politische Theorie

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1. Kennzeichnungen der Politischen Theorie

P. T. ist ein systematisch orientierter Versuch, mit den Mitteln der Logik die empirischen Erscheinungsformen der Politik zu durchdringen und regulativ zu erklären. Sie ist vorrangig interessiert an der Darlegung der Ordnung von Politik. In der möglichst systematischen Erklärung dieser Ordnungsfrage ist die P. T. meist normativ sowohl präskriptiv wie deskriptiv angelegt. Insofern benötigt sie auch stets den Verweis auf die Argumente aus der Politischen Philosophie, die als eine Art Prüfinstanz für die P. T. angesehen werden kann. P. T. stellt in dieser Relation die Weiterentwicklung der philosophischen Fragen zu systematischen Prinzipien in der Politik dar. P. T. behandelt dabei notwendigerweise (wie auch die Politische Philosophie) jene Bedingungssätze, mit denen Ordnungen in Form von Macht und Herrschaft begründet werden. Darüber hinaus bietet die P. T. (wie jede Theorie an sich) Perspektiven für Voraussagen an. In der P.n T. besteht zudem die Tendenz (im Gegensatz zur Politischen Philosophie), sehr viel stärker auf die Empirie einzugehen und von hierher eine Systematik von Regelaussagen zu erzeugen, die zu idealtypischen Setzungen führt. Diese Regelaussagen wiederum können nur dann gelingen bzw. realitätsgerecht sein, wenn man die Existenzfunktion der Politik kategorial beschreibt. Anthropologie und Politikbestimmung können somit nur in einem reziproken Wechselbezug aufeinander dechiffriert werden. Der Kern des methodologischen wie auch analytischen Fragehorizonts bildet dann stets das Spannungsverhältnis zwischen der Beschreibung des Menschen an sich (als Einzelnen), der wiederum in der Gruppe (gattungsspezifisch) als dem politisch Ganzen aufgeht bzw. hier in Korrelation begriffen werden muss.

Für diese Verbindung zwischen dem Einzelnen und dem Gesamt gibt es in der P.n T. ein spezifisches Phänomen, das noch vor der Beschreibung von Herrschaft analytisch durchdrungen werden muss. Denn Politik ist zuallererst immer Macht. Deshalb muss sich jegliche P. T. intensiv mit der Frage der Macht auseinandersetzen. Mit dem Machtaspekt kommt man nicht nur zur Frage der Qualität von Herrschaft, sondern eben auch zur Ordnungsfrage selbst. Insofern schließt sich der Kreis: Keine politische Ordnung ohne Macht – und ohne Macht gelangt man nirgendwo zu einer Ordnung.

2. Politische Theorie der Antike und des Mittelalters

Die Genese der P.n T. ist insofern nicht zufällig mit dem Machtgedanken verbunden – und zwar in Form der personalen Macht, die dann wiederum zu einer systemischen, d. h. strukturellen Konstellation führt. Platon und Aristoteles dokumentieren diesen Sachverhalt nachhaltig in ihren Traktaten, die sich mit der Qualität der politischen Ordnung, ihrer Begründung und ihren strukturellen Handlungsfolgen beschäftigen. Während Platon noch sehr normativ und immer ontologisch durch die Modellierung vom Microanthropos zum Macroanthropos den kognitiven wie funktionalen Wechselbezug zwischen dem Bürger der Polis und der Polis zu ihren Bürgern herstellt, ordnet Aristoteles die Bedeutung von Politik als derart fundamental ein, demzufolge die Beschäftigung mit Politik nicht nur die höchste Erkenntnisstufe in der Philosophie sei, sondern zugl. damit auch eine alles umfassende Logik beinhalte. Letztlich vollzieht auch Aristoteles einen ontologischen Sinnzusammenhang, wenn er den Menschen als politisches Wesen (zoon politikon) in seiner natürlichen Existenzform klassifiziert. Auch wenn aus der Perspektive der modernen P.n T. nicht alles stringent bei den beiden antiken Klassikern aufgebaut ist, lässt sich doch konzedieren, dass sowohl Platon mit der Abhandlung über die Gerechtigkeitsfrage (Gerechtigkeit) in der politischen Ordnung („Politeia“) sowie dem Spätwerk über die ordnungsrechtlichen Bedingungen („Nomoi“), als auch Aristoteles mit der „Politik“ die Grundlagen für alle nachfolgenden Debatten bis in die Gegenwart gelegt haben. Gleiches gilt auch für die Bewertung der beiden zentralen politischen Abhandlungen von Cicero („De Re Publica“ und „De Legibus“), die für das moderne Verständnis republikanischer Ordnung (Republikanismus) wichtige Leitbilder liefern. Demgegenüber fällt das Mittelalter erkennbar zurück, weil sich hier heuristisch weder ein Theorie-, noch ein spezifisches Politikverständnis entwickelt haben. Auch die Interpretamente von Politischer Philosophie verbleiben bis ins Spätmittelalter im Bereich theologischer Leitbilder, welche die anthropologischen wie auch herrschaftsfunktionalen Zuordnungen bestimmt haben. Insofern kann man für das Mittelalter nicht von der Existenzform einer P.n T. sprechen. Das Meiste, was sich hier (etwa bei Thomas von Aquin oder Johann von Salisbury) seit dem 12. Jh. an politischen Kommentaren zuordnen lässt, verbleibt im Bereich von Analogien, Metaphern und orientiert sich im Wesentlichen auf personale Führungsfragen zugunsten einer normativ guten Ordnung, die biblisch abgesichert wird.

3. Moderne Politische Theorie

Der Durchbruch zur P.n T. im heutigen Sinne kommt daher erst in der Renaissance (paradigmatisch bei Niccolò Machiavelli) zustande, im eigentlichen Sinne erst mit der Vertragstheorie von Thomas Hobbes. Die P. T. der Neuzeit bzw. der Moderne versteht sich dabei explizit als Gesellschaftskritik. Deshalb neigt sie sehr viel stärker als die p.n T.n der Antike oder etwa die philosophischen Überlegungen des Mittelalters zu Neubegründungen. Der Mensch wird jeweils neu verstanden und damit resultiert dann auch die Perspektive auf ein neues bzw. anderes Ordnungsverständnis als Rahmen. Deshalb ist die P. T. im Grunde ein Projekt der Moderne – und zwar ein heuristisches Systemprojekt. Heuristisch insofern, weil hierbei die Politik nicht einfach als Praxis begriffen wird, in der man Gutes (oder Schlechtes) tut, sondern weil die Grundlagen, d. h. die Voraussetzungen von Politik, in systematischer Hinsicht reflektiert und nomologisch taxiert werden. Nicht zufällige Erscheinungsformen in der Politik sollen aufgegriffen werden, sondern das ganze Spektrum politischer Erscheinungen soll hinsichtlich der (auch potentiell in Zeit und Raum) auftretenden Effekte taxiert und in eine logische Erklärungsreihe gebracht werden können. Insofern führt der analytische Bezugspunkt für die P. T. logischerweise zur Antike zurück, weil hier tatsächlich Platon und Aristoteles einige ebenfalls um heuristische Stringenz bemühte Reflexionen vorgebracht haben. Neu ist allerdings für die P. T. (der Moderne) das Zentrum ihrer Referenzaussagen. Es ist jetzt nicht (einfach) mehr ein Menschenbild, welches normativ (und damit in der logischen Folgewirkung auch funktional) behandelt wird, sondern es wird ein Geflecht von institutionellen Fragestellungen, die man auch als Güter bezeichnen kann, für die Analyse zur Debatte gestellt. Dies betrifft seit der Aufklärung zentral vier Topoi, die regelmäßig bei den verschiedensten Ausprägungen von P.r T. in der Moderne immer wieder fokussiert werden:

a) den Staat,

b) die Nation,

c) das Individuum und

d) den Vertrag.

Letzteres allerdings nur in abgeschwächter Form, da sich die Vertragstheorie trotz ihrer großen Fürsprecher (T. Hobbes, John Locke, Jean-Jacques Rousseau und zuletzt John Rawls) zwar auf die Herstellung eines rationalen Konsenses bezieht, der bes. für die demokratische Ordnung systemrelevant ist. Dieser Konsens kann jedoch (je nach kultureller Selbstinterpretation) auch durch Traditionen, Riten, konfessionelle bzw. religiöse Überzeugungen hergestellt werden. In den nichtdemokratischen Gesellschaften, wie sie für die Moderne eben auch nach wie vor kennzeichnend sind, spielt die Vertragstheorie daher keine Rolle, wird sogar heftig als westliche (d. h. imperiale) Theorie abgelehnt. Umstritten sind damit auch Theorien des Individualismus, auch (und gerade) weil diese in den westlichen Gesellschaften so populär sind. Hingegen haben sich das Paradigma der Theorien vom Staat wie auch das der Nation global durchgesetzt, auch wenn die Interpretationen dazu (zivilisatorisch betrachtet) zwischen den diversen Kulturkreisen auf der Welt höchst unterschiedlich ausfallen.

Das hermeneutische Problem (Hermeneutik) besteht auch gar nicht in den Kategorien, die man hier inhaltlich einsetzen kann (wie etwa Gerechtigkeit, Staat, Vernunft, Recht etc.), sondern in der Perspektive, wie man die doch durchaus differenten Diskurse zur P.n T., die sich national entwickelt und formiert haben, spezifisch anzeigen kann oder eben nicht. V. a. die amerikanische Politikwissenschaft hat aufgrund ihres sehr empiristischen Szientismus nach 1945 Wert darauf gelegt, dass jeglicher Politikbetrachtung ein Theoriebewusstsein zugrunde gelegt werden soll. Die Betonung liegt dann auf der Systematik der Axiomata und deren methodologischer Operationalisierung. Einem philosophischen Eskapatismus in Form von Geistesblitzen großer Denker wird damit eine Absage erteilt. Das gilt insb. für die moderne P. T. Im Kontext und in Auseinandersetzung zum Empirismus oder etwa auch dem Siegeszug von Rational Choice (Rational Choice Theory) in der Ökonomie hat die p. T.-Entwicklung der letzten Jahrzehnte die nicht unproblematische Tendenz gezeigt, sich mitunter zu sehr auf Methodenfragen statt auf inhaltliche Axiomata zu konzentrieren.

Insofern ist es bezeichnend, dass es neben J. Rawls Erneuerung der vertragstheoretischen Grundlagen „A Theory of Justice“ (1971) nur wenige Abhandlungen gibt, die seit den 1970er Jahren zu einer breiteren Debatte in der P.n T. geführt haben. Benjamin Barbers „Strong Democracy“ (1984) gehört zweifellos dazu. Ebenso Jürgen Habermas, der die wohl weitreichendste Bedeutung mit seinen Schriften für die (p.) T.-Entwicklung in den letzten drei Jahrzehnten auch auf internationaler Ebene gehabt hat. Insb. mit „Faktizität und Geltung“ (1992) formuliert J. Habermas ein Grundprinzip der modernen Demokratie in systematischer Hinsicht überzeugend, demzufolge nicht absolute Wahrheitsfragen über Sinn und Zweck politischer Ordnung entscheidend sind (oder sein sollten), sondern vielmehr die Logik deliberativer Aushandlungsprozesse, in denen ein im Prinzip offener Diskurs geführt werden kann (und sollte) zugunsten des jeweils besten Arguments, welches sich für das erstrebte Ziel finden lässt. Die deliberative Demokratie, ein aus den US-amerikanischen Debatten heraus entwickeltes Paradigma, zeichnet die Demokratie als Ordnung aus, in der auch Minderheiten aufgrund formaler Rechtsgrundlagen ihre Chancen zur Mitgestaltung haben. Im Prinzip ist dies (wie schon bei J. Rawls) das Plädoyer für eine Rationalisierung der Politik, die dem Ideal nach als eine offene Kommunikationsform zwischen den Bürgern einer Republik stattfinden soll.

4. Methodenprobleme

Mit der Globalisierung haben für die Gegenwart die heuristischen wie hermeneutischen Probleme für die P. T. allerdings zugenommen. Die noch in den 1980er Jahren gängige Einteilung der P.n T. in

a) normativ-ontologische,

b) empirisch-analytische und

c) kritisch-dialektische Theorien

ist mittlerweile komplett überholt. Es ist sicherlich auch ein Verdienst des Konstruktivismus, der seinen methodologischen Siegeszug in den 1990er Jahren weltweit antrat, dass man sich von derart klischeehaften Schubladisierungen verabschiedet hat. Gleichwohl bleibt damit aber ein Grundproblem der P.n T. bestehen, wird im spezifisch methodologischen Sinne umso deutlicher: Nämlich die Frage, was eigentlich genau der methodologische Zugang zur Politikbestimmung von Theorie ist? Damit ist auch die Frage verbunden, was denn spezifisch der Kern der Politik sei, über die man theoretisch reflektieren will? Gerade an den Rändern, die methodologisch zu benachbarten Disziplinen führen, wie etwa der juridischen Staatstheorie, den Theorien des Sozialen oder der Wirtschaftstheorie, wird deutlich, dass der Bereich der Politik zwar alles Mögliche vereinnahmt oder umfasst, je nach Fragestellung und Perspektivrichtung, dass aber der inhaltliche Kern von Politik, wenn es nicht die reine Machtlehre sein soll, seltsam diffus bzw. unklar bleibt. Die klassische Gegenargumentation zur Machtkonstellation in der Politik, nämlich die Gerechtigkeitsfrage, verweist umso mehr auf grundsätzlich ethische und anthropologische Diskursfelder, die zunächst einmal nicht zwingend politisch sind. Insofern ist es vielleicht auch kein Zufall, sondern der allg.en, eher unübersichtlichen Erscheinungslage in der Globalisierung geschuldet, dass P. T. in der aktuellen Positionsbestimmung immer nur erst durch ein analoges bzw. kongruent erscheinendes Thema (wie Gerechtigkeit an sich, Freiheit, Klima) inhaltlich verdeutlicht wird.

Diese etwas verschwommene Konstellation für die P. T. lässt sich auch charakterisieren anhand einer Ausweitung, wie sie insb. in den hermeneutischen Übergängen zur Politischen Ideengeschichte in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat. Nicht Ideen oder gar Theorien werden referiert oder stehen zur Debatte, sondern man formuliert dies eher hermeneutisch als ein politisches Denken, um das es hier gehen soll. Damit aber wird der Theorie i. S. einer Systematik von Politik nicht Genüge getan. Mehr noch, durch die Ausweitung auf alle möglichen (oder unmöglichen) literarischen Texte oder die Analyse von Bildern, die Reflexion über Narrative, das Denken in Metaphern, lässt sich das Argumentationsmaterial der P.n T. zwar ausweiten, aber der Kern von Politik wird dadurch eben nicht klarer, sondern im Gegenteil verwässert sich immer mehr. Allerdings kann man hierbei durchaus auch konstatieren: Selbst unter dem Paradigma vom Politischen Denken wird die Politik nicht neu erfunden (oder genauer identifiziert). Die meisten Beiträge, wie etwa Henning Ottmanns groß angelegte Übersicht zur „Geschichte des Politischen Denkens“ (2001–12) folgen den klassischen Diskurs- und Interpretationslinien der Politischen Ideengeschichte bzw. P.n T. So lässt sich dann auch konzedieren, dass einer der innovativsten Ansätze in der politischen Ideengeschichte, nämlich die Interpretationsrichtung der so genannten Cambridge School nicht einfach nur historische Kontexte in die Debatte eingeführt, sondern damit zugl. auch eine z. T. massive Neubewertung von klassischen p.n T.n, etwa im Falle N. Machiavellis oder (bes. prägnant) bei T. Hobbes, evoziert hat. Spätestens hieran zeigt sich auch, dass ideenhistorische und philosophische Bezüge überhaupt nicht wegzudenken sind aus jeglicher P.n T.

5. Säkularisierung und Religiösität in der Globalisierung

Bei all den Debatten über Differenz und Identität, die in der Gegenwart der Globalisierung geführt werden, wird aber auch deutlich, dass mit der Globalisierung die P. T. in ein neues Stadium ihrer Entwicklungsmöglichkeiten getreten ist. Was bisher als scheinbar lange Interpretationslinie zwischen Antike, Mittelalter und der Moderne paradigmatisch (verbindlich) galt, erweist sich im Kontext der Globalisierung eher (nur) als ein westliches Angebot der Theoriebildung über Politik, spezifisch hier als ein abendländisches Reflexionsmuster, denn nicht zufällig kommen alle Topoi aus dem europäischen Deutungsuniversum. Insofern erweist sich nunmehr die Globalisierung seit den 1970er Jahren immer mehr als eine Art von hermeneutischer Öffnung für die P. T. Und dies nicht einfach nur i. S. einer Konfrontation zwischen dem Westen und dem Nicht-Westen. Mehr noch manifestieren sich hier nun, wenn auch erst in Ansätzen, Verständnisweisen einer Pluralisierung der P.n T., in denen insb. durch die Radikalisierung im politischen Islam (Islamismus) die Frage der Religion einen neuen (oder alten) Stellenwert zugeschrieben bekommt. Damit wird an ein heuristisches Referenzsystem erinnert, das urspr. für die Genese der P.n T. ebenfalls konstitutiv war. Denn die P. T. der Neuzeit bzw. der Moderne ist in gewisser Hinsicht ein Zwilling der Theologie. Genau genommen sogar ein Produkt eben dieser. Das gilt für ihre Bemühungen um Systematik wie auch für ihre Versuche, den Menschen hinsichtlich seiner anthropogenen Grundlagen exakt bestimmen und in seinen diversen Erscheinungsbildern ausformulieren zu können. Im Hintergrund dieses Deutungskonflikts lauert für die P. T. der Gegenwart ihr Umgang mit dem Komplex der Moderne. Denn diese Moderne ist eine Form der Selbstzuschreibung unter geschichtsphilosophischen Prämissen (Geschichte, Geschichtsphilosophie), die zwar nicht zum Schwerpunkt der P.n T. gehören, die aber gleichwohl Basissätze beinhalten, welche das Grundverständnis der P.n T. betreffen. Diese Art der Säkularisierung der P.n T., die dann oft dem Mittelalter oder auch der Antike die Qualität einer theoretischen Perspektive auf die Politik meint absprechen zu können und damit ganze Klassikerbestände aus der politischen Ideengeschichte von Platon bis zur Renaissance als bloß philosophisch oder theologisch disqualifiziert, unterliegt einer Art der Selbstbespiegelung des Säkularen. Von hierher ergibt sich dann auch oft ein ideologischer Bezug. Dies ist neuerdings des Öfteren kritisiert worden. Eindrucksvoll hier bes. Charles Taylor, der in einem über mehrere Jahrhunderte angelegten Diskurs in „A Secular Age“ (2009) eine sehr kritische Bestandsaufnahme der Säkularisierung vorgenommen hat, indem er darlegt, wie nihilistisch der Humanismus mit dem von ihm intendierten rationalen Anthropologismus die P. T. der Neuzeit verformt hat. Allerdings fällt dieser Siegeszug des säkularen Denkens keineswegs einheitlich und linear aus (wie dies viele Vertreter des Fortschrittsglaubens [ Fortschritt ] irrtümlich meinen). Dabei haben theopolitische Aussagen immer auch eine orthopraktische Funktionsebene, worauf Michael Walzer nachdrücklich hinweist. D. h., orthodoxe Gedanken werden zu ihrem praktischen Ende gebracht – oder führen aus der Praxis heraus zu orthodoxen Ansichten über das Dasein der Menschen. Die Moderne (und hierbei insb. die Säkularisierung) kann man insofern kritisch sehen: die P. T. der Gegenwart kann rein säkularistisch angelegt die Welt, in der wir leben, nicht richtig erklären.

Aber angesichts der Vielzahl konkurrierender Interpretationen hierzu, die sich v. a. auch durch zivilisatorische Differenzen in der Ausdeutung bei einem globalen Sinnzusammenhang ergeben, führt die P. T. hier in das Feld von Kulturtheorien, was die Interpretation nicht einfacher macht.