Proletariat

1. Begriff und Bedeutung

Im Lateinischen wurde im 5. Jh. v. Chr. die soziale Gruppe der Besitz- und Waffenlosen als proletarii bezeichnet. Ihr Kennzeichen war das fehlende Vermögen, das mit über den gesellschaftlichen Status bestimmte. Ende des 18. Jh. war der Begriff weitgehend aus dem europäischen Sprachgebrauch verschwunden – bis zum Beginn der Industriellen Revolution (Industrialisierung, Industrielle Revolution) und der sich rasch entfaltenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Über England und Frankreich verbreitete er sich auch im deutschen Sprachraum. Seit den 1830er Jahren diente er erst zur Charakterisierung unterbürgerlicher, ländlicher Schichten und wurde schließlich eine zentrale Kategorie der neu entstehenden sozialistischen Ideenwelt (Sozialismus, Kommunismus).

2. Revolutionäres Subjekt

Im Begriff des P.s verschmolzen seitdem sehr unterschiedliche Bedeutungsebenen. Für Teile der sich neu herausbildenden/ausbreitenden bürgerlichen Gesellschaft war das P. Sinnbild alles Verachtungswürdigen: Die „Masse“, die über kein Eigentum, keine Ehre, oft auch keine Religion und kein Rechtsempfinden verfügte und mit der Revolution sympathisierte. Das P. war eine fluide, umkämpfte soziale Figur, unter der z. B. Heinrich Wilhelm Bensen in seiner Denkschrift „Der Proletarier“ von 1847 für England sehr unterschiedliche Gruppen zusammenfasste: Fabrikarbeiter, „die Gehülfen und Arbeiter in allen Geschäften und Gewerben, welche auf eine fabrikähnliche Weise betrieben werden, […] die Landarbeiter, […] die eigentlichen Taglöhner, […] die Armen, […] die gemeinen Soldaten […], die Gauner, Freudenmädchen […] [und] die kleinen Bediensteten geistlicher und weltlicher Art“ (Bensen 1847: 344). Diese seien inzwischen gemeinsam stark genug, in die „Staatsumwälzung Englands“ (Bensen 1847: 344) einzugreifen.

In der jungen Arbeiterbewegung fand der Begriff zunächst noch keine weite Verbreitung, allenfalls als Distinktionsmerkmal zur eigenen „ehrbaren“ Arbeits- und Berufswelt. Die schärfste Analyse legte – vor Karl Marx – Lorenz von Stein in um die Mitte des 19. Jh. publizierten Schriften vor. Sein Argument lautete, dass von P. erst dann gesprochen werden sollte, wenn es ein Bewusstsein der eigenen Lage gäbe. Das P. war demnach ein Stand der Gesellschaft, der allein über seine Arbeitskraft verfügte und Teil einer gesellschaftlichen Ordnung war, die durch den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit bestimmt wurde. Doch anders als K. Marx und Friedrich Engels sah L. von Stein im P. noch nicht das revolutionäre, emanzipatorische Subjekt der Geschichte. Die spezifische Wendung, die der Begriff in der Deutungswelt von K. Marx und F. Engels erhielt und ihn von einer moralischen zur „wissenschaftlichen“ Kategorie machte, war die Annahme, dass das P. an der Spitze des historischen Fortschritts stehen und die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft aufgrund ihrer inneren Widersprüche zum Einsturz bringen würde. Das „Kommunistische Manifest“ von 1848 enthielt neben dem historisch-materialistischen Credo, dass die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften eine Geschichte der Klassenkämpfe gewesen sei, auch eine Analyse der revolutionären Funktion des P.s. Entstanden durch die Produktions- und Ausbeutungsverhältnisse der Bourgeoisie, werde das P. die bürgerliche Gesellschaft in einem revolutionären Prozess beseitigen. K. Marx und F. Engels sprachen im Manifest zunächst lediglich von der „Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat“ (MEW 4: 474). Die Formel von der „Diktatur des Proletariats“ fand sich erst etwas später, meinte aber doch sehr Ähnliches: Dass es auf dem Weg zur Beseitigung der Klassenunterschiede eine Übergangsphase gäbe, in der das P. die Entscheidungsgewalt übernehmen und den revolutionären Transformationsprozess steuern würde. Das P. sicherte sich sein karges Einkommen durch Lohnarbeit. Die Ausbeutungsverhältnisse des Kapitalismus, so die Annahme, lasse die Zahl der Proletarier immer weiter anwachsen – ein Verelendungsprozess, durch den die Proletarier ein Bewusstsein ihrer klassenspezifischen Situation erlangen würden. Auf dieser Grundlage werde das P. zu einem die Geschichte dauerhaft prägenden revolutionären Subjekt.

3. Deutungskämpfe

Das P. als heilsbringender Träger der Arbeiterbewegung sollte – in unterschiedlichen Schattierungen – zu einer zentralen Beschreibungskategorie innerhalb der Arbeiterbewegung werden und die Debatten der noch jungen Sozialdemokratie (SPD) des frühen 20. Jh. prägen. Dazu gehörten die mythische Aufladung des Begriffs und Versuche seiner Objektivierung durch eine vom wissenschaftlichen Sozialismus inspirierte Sozialwissenschaft, die statt vom P. von „Arbeiterklasse“ sprach, wenngleich beide Begriffe nicht immer deckungsgleich waren. Strittig blieben zwischen den Flügeln der Arbeiterbewegung die Prägekraft des proletarischen Klassenbewusstseins, seine revolutionäre Rolle im historischen Prozess und das Verhältnis zur bürgerlichen Gesellschaftsordnung.

Für die völkische Rechte galt der Begriff als Teil einer zu bekämpfenden „jüdisch-marxistischen“ Ideenwelt. Deshalb war eher von „Arbeitern der Faust“ die Rede. Ob eine Verwendung des Begriffs für die Beschreibung weiterhin bestehender kapitalistischer Lohnarbeitsverhältnisse angemessen war, blieb auch nach 1945 umstritten, überlagert durch die Konflikte des Kalten Krieges. Zudem schien die wachsende Prosperität der Nachkriegsgesellschaften einen „Abschied von der ‚Proletarität‘“ (Mooser 1983: 143) eingeleitet zu haben. Kritik kam deshalb von unterschiedlichen Seiten, seit den 1970er-Jahren auch von Teilen einer undogmatischen Linken. Sie kritisierte die starke Fokussierung auf männliche Arbeitsverhältnisse in primär westlichen Industriegesellschaften und verwies auf die Unterschiedlichkeit proletarischer Lebensverhältnisse im globalhistorischen Kontext. Inzwischen wird darüber debattiert, inwiefern sich angesichts der globalen Transformationen des Kapitalismus nicht auch von „neuen Proletariaten“ sprechen lässt, die in den Randbereichen industrieller Wohlstandszonen und außerhalb Europas entstehen oder auch nie ganz verschwunden waren. Zugleich beobachteten Sozialforscher Prozesse der Rückkehr proletarischer Lebens- und Arbeitsverhältnisse in den deregulierten Sozialstaaten der westlichen Welten, wofür oftmals der Begriff des „Prekariats“ verwendet wird. Auch wenn nur noch wenige im P. ein revolutionäres Subjekt sehen, verweist der Begriff doch nach wie vor auf zentrale, ungelöste Konfliktachsen kapitalistischer Gesellschaften im 21. Jh.