Neue Religiöse Bewegungen

1. Der Kulturkontext Neuer Religiöser Bewegungen

N. R. B. stehen im Kontext der Moderne. Modernität bedeutet u. a. Individualisierung, d. h. das Herausgerissenwerden aus traditionalen Zusammenhängen und die damit verbundene Zunahme von Entscheidungsprozessen über das eigene Leben. Aus dem Schicksal wird der Zwang zur Wahl des eigenen Lebens. Mit dem Verlust einer vergleichende Maßstäbe bietenden Einbettung in Tradition(en) muss ein neuer Orientierungsmaßstab gesucht werden. Begleitet wird dieser Prozess durch das Auftreten von metaphysischen Orientierungsaufgaben in der Neuzeit (kopernikanische, darwinische, freudianische, androidische), die jeweils eine immanente Unendlichkeit räumlicher, zeitlicher, psychischer und technologischer Art mitzuführen scheinen. Hinzu kommt zum dritten die Ablösung der eng an die vorgegebenen Weltstrukturen angelehnten Naturtechnik durch eine wissenschaftsfundierte Technik, die den Menschen in eine innerkosmische Schöpfer- und Zerstörerrolle einfügt. Wenn vertraute Vergleichsmaßstäbe schwinden, muss alles immer wieder individuell neu im Blick auf eine Selbstgestaltung erlebt werden, die ihrer geschichtlichen Maßstäbe obsolet geworden ist. Das Erlebnis und nicht mehr die in Tradition eingebettete (reflektierte) Erfahrung bestimmen die Orientierungssuche. Im Erlebnis konstituiert sich das Subjekt als seine eigenen Maßstäbe schaffende Individualität. Eine gleichartige Verschiebung der Maßstäbe bezieht sich auch auf die sozialen Bindungen. Nicht mehr verwandtschaftliche Beziehungen oder standesmäßige und religiöse Bezüge bilden den Orientierungspunkt für Sozialbeziehungen, sondern diese konzipieren sich vermehrt als Erlebnisgemeinschaften. Eine der typischen Tendenzen dieser Bewegung der Moderne ist eine Verlagerung der Gemeinschaftsseite des Religiösen aus klassischen kirchlichen Institutionen in neue kirchliche oder nichtkirchliche Szenen. Szenen bieten Zusammenkunft ohne persönliche Verbindlichkeit. Die Form der Sinnsuche in diesen Szenen, aber auch in den meisten verbindlicher orientierten neuen, nicht klassische Muster kopierenden Vergesellschaftungen kann man im freien Ausgang von Claude Lévi-Strauss’ Theorie des Mythos als mythische Bricolage (Bastelei) bezeichnen. Der Bastler kann vielfältige Dinge auf schöpferische Weise entwerfen und herstellen. Der Bastler bedient sich dazu unterschiedlichster, zufällig ihm verfügbarer Materialien und Werkzeuge. Der neureligiöse Bastler pflegt seine individualisierte Sinnsuche durch Selbstexperimente in verbindlichen Gemeinschaften oder in unverbindlichen Szenen. Dabei kann es allerdings auch vorkommen, dass er ein ihn wesentlich prägendes Konversionserlebnis hat, welches ihn in eine neureligiöse Gemeinschaft führt, der er sich bedingungslos bis zur Selbstaufgabe unterwirft.

2. Zwei Arten Neuer Religiöser Bewegungen: Neue Religiosität und Neomythen

Wenn man davon ausgeht, dass der Standpunkt der Religion und der des Atheismus von der gemeinsamen Voraussetzung eines Bewusstseins der Radikalität von Endlichkeit und der Problemstellung ihrer möglichen (d. h. eine Standpunktnahme einfordernden) Überwindung durch eine transzendente Macht ausgeht, dann fügt sich ein Teil N.r R.r B. in diesen Möglichkeitshorizont von Standpunktnahmen innerhalb gängiger anthropologischer Voraussetzungen ein (radikale Endlichkeit und Geneigtheit, nicht endlich zu sein). Ich spreche in diesem Fall von Neuer Religiosität. Es ist dabei möglich, innerhalb der Voraussetzung atheistischer Prämissen spirituelle Erfahrungen im Spektrum zwischen Wellness (exotische Meditationsformen, Tantra, Diätvarianten), Naturmagie (Wicca-Kulte, Church of All Worlds, Heilsteine) und tiefer Naturmystik zu machen. Phänomene wie Jugendweihen, Festivals der Rockmusik oder Fußballbegeisterung u. a. sind oftmals durch Religionsförmigkeit ausgezeichnet. Erscheinungsformen traditioneller Religionsausübung und Erscheinungsformen profaner Massenphänomene gleichen sich oftmals bis ins Detail (Michael Jacksons „Earth Song“, Hymne auf Borussia Dortmund: „Leuchte auf, mein Stern Borussia, Leuchte auf, zeig mir den Weg, Ganz egal, wohin er uns auch führt […]“ nach dem geistlichen Lied „Amazing Grace“). Es ergeben sich ebenfalls Randunschärfen zwischen dem Standpunkt der Religion und dem des Atheismus (Engelglaube unter atheistischen Prämissen, Kraftorte). Der Kosmos bekommt nicht selten Züge eines sich unbewusst selbst suchenden Evolutionsgottes, der in den Menschen zum Bewusstsein kommt. Das Machtpotenzial dieses Kosmos kann dabei eher moralisch wertneutral genutzt werden (Jedireligion im Anschluss an die Star Wars-Filme, Joseph Murphys Positives Denken). Die kosmologische Dynamik kann auch dazu führen, dass die Menschheit als in einem Evolutionsprozess befindlich begriffen wird, der sie über sich hinaus in eine zeitlich schier unbegrenzte Existenzweise durch moderne Technologien überführt (Stephen William Hawkings Transhumanismus, Transhumanismus AG der Piratenpartei, Robert Chester Wilson Ettingers Kryonikphilosophie „Aussicht auf Unsterblichkeit“ [Ettinger 1965]) oder traditionelle Themen der überlieferten Religionen auf andere Weise zu bebildern bzw. in einen anderen Kontext zu stellen (Präastronautik, UFOlogie, Hindutvabewegungen Indiens) bzw. diese Traditionen fantasievoll weiter auszubauen (Mormonen, Universelles Leben, Reinkarnationstherapien, Quantentherapien, Vertreter von Neuoffenbarung). Vergleichbar mit dem Problem von Randunschärfen zwischen überlieferter Religion bzw. Atheismus und der Neuen Religiosität gibt es auch entspr.e Übergangsphänomene zwischen Letzterer und den Neomythen.

Begrifflich lassen sich die Neue Religiosität und die Neomythen durch ihre unterschiedlichen grundlegenden anthropologischen Prämissen prinzipiell qualitativ unterscheiden. Akzeptiert die Neue Religiosität mit den bisherigen weltanschaulichen Geistesgestalten der Menschheitsgeschichte die Voraussetzung der Radikalität menschlicher Endlichkeit, so bestreitet der neomythische Standpunkt dieselbe. Neomythen sind ein kulturelles und individuelles Sich-Beziehen auf Endlichkeit unter Absehen von ihrer Radikalität und in der Erwartung der realen Aufhebung derselben durch das Handeln des Menschen oder anderer innerweltlicher Mächte. Ihre Zielvision ist die Schaffung von Göttermenschen, und sie ist weitgehend eine Ausdrucksgestalt moderner Wissenschaftsgläubigkeit.

Exemplarisch können hier Frank Jennings Tiplers „Die Physik der Unsterblichkeit“ (1994) und die therapeutische Zielvorstellung der Church of Scientology genannt werden, die den Begriff des Neomythos vollständig ausformulieren. Der scientologische Thetan wird etwa bestimmt als Lebensform, die „‚wissentlich und willentlich Ursache über Leben, Gedanken, Materie, Energie, Raum und Zeit‘“ ist (L. Ron Hubbard Library 1996: 65 f.). Dabei erscheint ein Menschenbild, das epochal innerhalb der Menschheitsgeschichte neu und Ausdruck eines ungeheuren Wissenschaftsglaubens ist.