Indian Ocean Rim Association (IORA)

1. Gebiet und Mitgliedschaft

Die IORA ist eine Regionalorganisation im Indischen Ozean. Von insgesamt 51 Anrainerstaaten des Indischen Ozeans sind 21 Mitglieder der IORA: Australien, Bangladesch, die Komoren, Indien, Indonesien, Iran, Kenia, Madagaskar, Malaysia, Mauritius, Mosambik, Oman, die Seychellen, Singapur, Somalia, Südafrika, Sri Lanka, Tansania, Thailand, die VAE und der Jemen. Daneben gibt es sieben Dialogpartner (Ägypten, China, Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Japan und die USA) sowie zwei Organisationen mit Beobachterstatus (Indian Ocean Tourism Organization [IOTO] und Indian Ocean Research Group [IORG]).

2. Geschichte, Struktur und Ziele

Vorgängerorganisation der IORA war die „Indian Ocean Rim Association for Regional Cooperation“ (IOR-ARC), welche am 6.–7. März 1997 gegründet wurde. Vorausgegangen waren ab Mitte der 1990er Jahre diverse Vorschläge zur Schaffung einer Regionalorganisation im Indischen Ozean. 1997 erfolgte insb. auf Initiative Südafrikas, Indiens, Mauritius und Australiens die Gründung der IOR-ARC mit zunächst 14 Mitgliedern. Obwohl nach der Gründungscharta allen Anrainerstaaten die Mitgliedschaft offensteht, wurde der offizielle Mitgliedsantrag Pakistans aufgrund der Intervention Indiens abgelehnt. Die IOR-ARC wurde beim Treffen der IOR-ARC Außenminister am 1.11.2013 in Perth in IORA umbenannt.

Die Struktur folgt einem dreigliedrigen Säulenmodell mit Vertretern der Regierungen, der Wirtschaft und Wissenschaft. An der Spitze stehen der „Council of Ministers“ (COM), der einmal pro Jahr tagt (Außen- oder Staatsminister), sowie das „Committee of Senior Officials“ (CSO), welches zweimal pro Jahr tagt. Den COM-Treffen gehen Treffen der drei zentralen Arbeitsgruppen voraus: der „Indian Ocean Rim Academic Group“, des „Indian Ocean Rim Business Forum“ und der „Working Group on Trade and Investment“. Das CSO setzt sich mit den Vorschlägen der Arbeitsgruppen auseinander und macht dem COM Vorschläge. Die IORA verfügt daneben über eine „Working Group of Heads of Missions“ in Pretoria, verantwortlich für die Überprüfung der Umsetzung gefasster COM-Beschlüsse, sowie über zwei permanente Einrichtungen in Form des „Regional Centre for Science and Technology Transfer“ im Iran und der „Fisheries Support Unit“ im Oman. Der IORA-Vorsitz rotiert alle zwei Jahre. Das permanente IORA-Sekretariat mit einem Generalsekretär befindet sich in Ebene, Mauritius, mit gut einem Dutzend Mitarbeiter. Das jährliche Gesamtbudget ergibt sich aus Beiträgen der Mitgliedsstaaten von jeweils 20 000 US-Dollar und freiwilligen, projektbasierten Beiträgen.

Nach der Charta ist ein zentrales Ziel der Organisation die Förderung nachhaltigen Wachstums sowie eine ausgewogene Entwicklung der Region durch einen „consensus-based, evolutionary and non-intrusive approach“ (Abschnitt 2 Charter of the IORA). Wirtschaftliches Leitprinzip ist der sog.e offene Regionalismus, auf dessen Grundlage Kooperation insb. im Bereich Handel und Investitionen gefördert werden soll. Die Arbeitsschwerpunkte umfassen sechs Schlüsselbereiche: maritime Sicherheit, Handel und Investitionen, Fischereimanagement, Katastrophenhilfe, akademische, wissenschaftliche und technische Zusammenarbeit, Tourismus und kulturellen Austausch.

3. Herausforderungen und Beurteilung

Die IORA ist seit Gründung durch große sozioökonomische Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten geprägt, deren Ursachen u. a. in ihrer Lage auf drei verschiedenen Kontinenten begründet liegen. Neben den geografischen und demografischen Unterschieden – Australien als Kontinent, Singapur als Stadtstaat, Indien mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt und kleinen Inseln wie Mauritius – gibt es v. a. erhebliche wirtschaftliche Disparitäten, die sich deutlich im BIP pro Kopf zeigen. Dieses erstreckte sich im Jahr 2014 von 64 863 US-Dollar in Australien, 43 876 US-Dollar in den VAE über 1 505 US-Dollar in Indien bis hin zu 488 US-Dollar in Madagaskar.

Angesichts dieser Heterogenität, knapper finanziellen Ressourcen etlicher Mitgliedstaaten sowie mangelnder finanzieller und personeller Ausstattung der IORA wurden nur wenige Projekte überhaupt umgesetzt. Als Forum hat es die IORA zwar geschafft, seit 1997 Vertreter der Regierungen, Wirtschaft und Wissenschaft regelmäßig zusammenzubringen; doch trotz der Existenz verschiedener Arbeitsgruppen kann die Organisation bislang keine nennenswerten Erfolge vorweisen. Die 15 COM-Treffen bis 2016 haben bis auf Absichtserklärungen zu keiner Erhöhung des Handels geführt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Anrainerstaaten des Indischen Ozeans sich in den letzten Jahrzehnten in einer Reihe verschiedener Regionalorganisationen zusammengeschlossen haben, die sich in den Zielen und der Mitgliedschaft überlappen, z. B. die ASEAN, die AU, der GCC, die SAARC oder die SADC. Bei diesen Organisationen steht zunächst zwar auch die Förderung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Vordergrund; teilweise werden aber auch sicherheitspolitische Fragen behandelt, u. a. bei der AU oder der ASEAN. Eine solche Säule der Kooperation fehlte in der IORA bis 2011 völlig. Australien hatte sich zwar bereits Mitte der 1990er Jahren im Vorfeld der Gründung der IOR-ARC für eine sicherheitspolitische Ausrichtung der Organisation ausgesprochen, um damit im Indischen Ozean eine Institution vergleichbar mit dem ASEAN Regional Forum (ARF) oder der OSZE zu schaffen. Allerdings wurden diese Vorschläge v. a. von indischer Seite abgelehnt. Erst mit Indiens Einlenken im Jahr 2011 und danach einsetzenden Diskussionen über eine Neuausrichtung der Organisation wurde das Thema maritime Sicherheitskooperation auf die Agenda gesetzt. Dies reflektiert nicht zuletzt die erheblich gestiegene wirtschaftliche und geostrategische Bedeutung des Indischen Ozeans, auf dem mittlerweile 60 % der weltweiten Containerschifffahrt und 70 % der weltweiten Öllieferungen stattfinden. Die Zukunft der IORA wird maßgeblich von der erfolgreichen Kooperation in den vereinbarten Arbeitsschwerpunkten abhängen.