Behaviorismus, Behavioralismus

B.alismus und B.ismus werden häufig verwechselt, manchmal auch in mehr oder minder kritischer Absicht gleichgesetzt. Dabei handelt es sich um zwei sehr unterschiedliche Strömungen, die sich nicht nur im Gegenstandsbereich, sondern auch im zentralen Begriff des Verhaltens und in den eingesetzten Methoden grundlegend unterscheiden. Der B.ismus ist eine von John Broadus Watson vor rund 100 Jahren entwickelte radikal-empirische Schule der Psychologie, die Verhaltensreaktionen von Menschen und Tieren auf Einflüsse der Umwelt untersucht (Stimulus-Response-Prozesse). Der bekannteste jüngere Vertreter ist Burrhus Frederic Skinner mit seinen Rattenexperimenten und der dazu entwickelten Skinner-Box. Der Verhaltensbegriff des klassischen B.ismus ist sehr eng gefasst. Er beschränkt sich auf experimentell stimulierbares, d. h. direkt beobachtbares und messbares Verhalten. Rückschlüsse auf motivationale und kognitive Prozesse oder Bewusstseinsveränderungen werden als unzulässig verworfen. Spätere Vertreter des psychologischen B.ismus wie Edward Tolman und Clark Leonhard Hull hingegen lassen Rückschlüsse auf innerhalb des Organismus verlaufende Prozesse im Sinne intervenierender Variablen zu (S-O-R-Schema).

Der B.alismus ist eine Denkschule und eine Bewegung, die zunächst innerhalb der US-amerikanischen Politikwissenschaft in den 40er und 50er Jahren des vergangenen Jh. – mit Vorläufern in den 20er Jahren – entstand und nach erbitterten Auseinandersetzungen mit Vertretern anderer politikwissenschaftlicher Denkschulen im Rahmen des sogenannten B.alismus-Streits sich an praktisch allen amerikanischen Universitäten durchsetzte sowie in der internationalen Politikwissenschaft viele Gefolgsleute fand. Grundvorstellung des politikwissenschaftlichen B.alismus ist eine Wissenschaft von der Politik, die nach naturwissenschaftlichem Muster (Naturwissenschaften) verfährt, also nicht bei der Beschreibung und Bewertung politischer Handlungen, Institutionen (Institution) und Gegenstände stehen bleibt, sondern versucht, Politikwissenschaft als eine beschreibende, erklärende und prognosefähige Wissenschaft zu betreiben.

Kennzeichnend ist für das behavioralistische Forschungsprogramm, wenn auch nicht immer für die behavioralistische Forschungspraxis, die Grundlagenorientierung und die Theoriegeleitetheit der Forschung. Um Politik beraten zu können (Politikberatung), bedürfe es eines Fundus von Grundlagenwissen, das nur in einem längeren Prozess der Beobachtung, Beschreibung und Erklärung politischer Vorgänge erarbeitet werden könne. Die reine Deskription politischer Phänomene trage dazu nichts bei; sie sei ein notwendiger, aber nicht hinreichender Bestandteil der Forschung, deren Ziel die Erklärung und Prognose dieser Phänomene wäre. Erklären und prognostizieren könne man aber nur auf der Basis theoretischen Wissens, das heißt aufgrund von Gesetzmäßigkeiten des Politischen, die es aufzuspüren gelte. Werturteile ließen sich nicht mit den Mitteln empirischer Forschung (Empirische Sozialforschung) begründen oder verwerfen, da sie sich logisch nicht aus Tatsachen, sondern nur wieder aus anderen Werturteilen ableiten ließen. Das bedeute allerdings keine völlige Werteabstinenz des Forschers, der bei der Wahl seiner Forschungsgegenstände selbstverständlich sich von seinen Werten leiten lassen dürfe. Innerhalb des Forschungsprozesses hätten Wertungen also nichts verloren, könnten aber natürlich ein Gegenstand empirischer Politikforschung sein.

Forschung müsse nachprüfbar sein. Das bedeute, objektiv, d. h. forscherunabhängig, vorzugehen und in erster Linie innerwissenschaftlichen Qualitäts- und Relevanzkriterien zu folgen. Zu diesen Qualitätskriterien gehören die Zuverlässigkeit von Messergebnissen (Reliabilität), d. h. ihre Wiederholbarkeit unter gleichen Umständen, sowie die inhaltliche Gültigkeit (Validität), was meint, dass mit den jeweiligen Instrumenten auch tatsächlich das gemessen werde, was man zu messen beabsichtigt. Um Beobachtungen verallgemeinern zu können, müssen die Messergebnisse ferner repräsentativ für die Handlungen oder den Personenkreis sein, über die man Aussagen machen möchte. Die Einhaltung dieser Qualitätskriterien legt die Verwendung standardisierter Messinstrumente und (zumeist statistischer) Auswertungsverfahren nahe. Aus diesem Grunde arbeitet die behavioralistisch orientierte Forschung bspw. mit Einstellungsskalen, standardisierten Fragebögen, speziellen Stichprobendesigns und – zur Aufdeckung komplexer Zusammenhänge – bevorzugt auch mit ständig sich verfeinernden multivariaten statistischen Auswertungsverfahren. Ein weiterer Punkt des behavioralistischen Forderungskatalogs ist die Interdisziplinarität von Forschung: Das politische System sei nur ein Teilsystem jenes größeren gesellschaftlichen Systems, das von anderen Wissenschaften wie der Sozialpsychologie oder der Soziologie untersucht werde; somit könne die Politikwissenschaft von deren Methoden und Forschungskonzepten profitieren.

Zwar verbindet den psychologischen B.ismus und den politikwissenschaftlichen B.alismus das empiristische Credo. Das Verständnis ihres zentralen Forschungsgegenstands und insb. des zugrunde liegenden Verhaltensbegriffs unterscheidet beide Strömungen jedoch grundlegend. Zwar stellt auch der politikwissenschaftliche B.alismus das beobachtbare Verhalten in den Mittelpunkt seines Forschungsinteresses, akzeptiert aber im Gegensatz zum klassischen B.ismus auch Aussagen über introspektiv gewonnenes Wissen, d. h. über Einstellungen, Werthaltungen und Vorurteile, desgleichen die Existenz von Persönlichkeitsmerkmalen wie Autoritarismus oder Dogmatismus usw. Diese werden v. a. mithilfe von – typischerweise standardisierten – Interviews erhoben. Fragebogenorientierte Untersuchungen anhand großer, repräsentativer Stichproben sind geradezu ein Kennzeichen behavioralistischer Forschungstätigkeit. In jüngerer Zeit werden auch häufiger politikwissenschaftliche Experimente mit kleinen Gruppen durchgeführt.

Unterschieden werden muss zwischen zwei behavioralistischen Strömungen: einem eher theoretisch orientierten, auf das politische System bezogenen B.alismus, und dem eher auf Individuen zentrierten, quantitativ-empirisch vorgehenden B.alismus. Erstere ist mit Namen wie David Easton und Karl Wolfgang Deutsch verbunden, die grundlegende Werke über das politische System und die politische Kommunikation vorgelegt haben. Zu letzteren zählen solche geradezu paradigmatischen Untersuchungen wie die Civic-Culture-Studie von Gabriel Almond und Sidney Verba oder die Wahlstudien der Ann-Arbor-Forscher um Angus Campbell, Philip Converse, Warren Miller und Donald Stokes. Im Verlaufe der inneramerikanischen Auseinandersetzungen um die Bürgerrechte von Schwarzen und v. a. um den Vietnamkrieg entwickelte sich in Form der Policy-Studien eine stärker an politischer Relevanz orientierte politikwissenschaftliche Strömung, die zwar im Prinzip noch dem behavioralistischen Credo verpflichtet blieb, aber den Gedanken der strikten Grundlagenorientierung in den Hintergrund stellte.

Es dürfte zwar heute kaum noch einen empirischen Forscher in der Politikwissenschaft geben, der sich selbst als Behavioralist bezeichnen würde. Dennoch wirkt der B.alismus, da selbstverständlich geworden, bis in die Gegenwart nach. Die internationale Politikwissenschaft ist heute, anders als noch vor 1960, stark vom Empirismus geprägt. Theorieorientierte empirisch-quantitative Forschung, die sich häufig weit entwickelter, von den nicht Initiierten kaum noch durchschaubarer statistischer Auswertungsverfahren bedient, ist in so gut wie allen entwickelten Ländern der Welt anzutreffen. In nicht wenigen Staaten dominiert sie sogar die politikwissenschaftliche Forschung, auch wenn nicht nur in Deutschland institutionenzentrierte Perspektiven, die stärker der traditionellen realistischen und legalistischen Schule der Politikwissenschaft verbunden sind, wieder an Boden gewonnen haben. Der B.alismus war aber mehr als nur ein Zwischenspiel, auch mehr als nur eine inneramerikanische Bewegung: Bis heute wirkt er nach und lässt in der Politikwissenschaft empirische Forschung unter Einhaltung hoher Qualitätsstandards als zugl. Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit erscheinen.