New Economy

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1. Begriff und historische Einordnung

N. E. im heute häufig gebrauchten engeren Sinne „bezeichnet eine durch Erzeugung, Verarbeitung und Verbreitung von Information geprägte Wirtschaft“ (Klodt 2005: 303). Im umfassenderen Sinne beschreibt der Begriff nicht nur den jüngsten durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien induzierten Wandel, sondern ein generelleres wirtschaftliches Anpassungsmuster bei den durch die Wissenschaft getriebenen global bedeutsamen technologischen Schlüsselinnovationen. Der seit den 1990er Jahren rund ein Jahrzehnt andauernde „Aufstieg und Fall“ (Dot-Com-Boom) der in der ersten begrifflichen Verwendung diskutierten N. E. ist in seinem Verlauf „ein Wiederholungsfall“ (Roesler 2004: 215). Hiernach gilt: Es hat in dieser etwa eineinhalb Jahrhunderte andauernden Phase „zwei lange Konjunkturphasen unter vergleichbaren Rahmenbedingungen und von vergleichbarer Komplexität gegeben, wie in den 1990er Jahren, zwei frühere ‚New Economies‘“ (Roesler 2004: 216).

Das Muster fand sich in der deutschen Wirtschaftsgeschichte erstmals in der Phase eines andauernden Booms v. a. aufgrund des Eisenbahngeschäfts in den Gründerjahren (1869–73), der mit der dramatischen Gründerkrise endete, der eine korporatistische Neuordnung (Korporatismus) der Wirtschaft folgte. Die zweite Parallele findet sich in den USA in einer Phase erheblichen technischen Wandels während der 1920er Jahre, welche 1929 mit beträchtlichen globalen Ausstrahlungseffekten endete und in die Weltwirtschaftskrise sowie nachfolgend starken staatlichen Wirtschaftseingriffe mündete. Im Vorfeld der Großen Rezession von 2008/09 gab es wiederum fast acht Jahrzehnte danach recht verbreitet stark überhöhte Erwartungen angesichts eines im Vergleich zum Produktionspotenzial hohen Wachstums, welches in Deutschland auch unter dem Begriff „New Economy 2.0“ (Bergheim/Graef/Schneider 2006) popularisiert wurde. Die geschürten Erwartungen erwiesen sich im Nachhinein jedoch – wieder einmal – als unrealistisch.

Beide Betrachtungsweisen sehen als grundlegende Eigenschaft für die bzw. eine N. E. einen Pfadwechsel der Wirtschaftsabläufe infolge eines technologischen Umbruchs bei genügend freien Märkten an, sodass sich eine Spekulationsblase herausbilden kann. Eine differenzierte Betrachtungsweise zeigt ein sich wiederholendes Muster beim jüngsten spektakulären Auftreten des „New Economy-Effekts“ (Funk 2000) mit den vorherigen beiden Phasen: Jeweils zum Beginn eines sich abzeichnenden Umbruchs verbreitet sich i. d. R. – zugespitzt ausgedrückt – die Annahme „einer neuen Art von Wirtschaft, für die die alten ökonomischen Regeln keine Bedeutung mehr hätten“ (Blanchard/Illing 2006: 32). Im Nachhinein zeigt sich jedoch, dass sich viele der zuerst gemachten – oft euphorischen – Vorhersagen einer vermeintlich dauerhaft neuen, krisenfreien Wirtschaft als falsch erwiesen haben, also weitgehend einem „reinen Wunschdenken“ (Roesler 2004: 215) entsprangen. Einige Aspekte der jeweiligen N. E. zeigen sich im Zeitablauf jedoch als eine dauerhafte Transformation von Volkswirtschaften. Dies ergibt sich generell aus dem Zusammenspiel von neuen Technologien und den darauf mehr oder weniger gut ausgerichteten sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen. Die Technologie etabliert sich nach den zunächst spekulativen Übertreibungen der Anfangsphase und daraus resultierenden Unternehmenszusammenbrüchen bei Konsolidierung der verbleibenden Anbieter als jeweils neuartige zentrale Infrastruktur der Wirtschaft. Basisinnovationen wie Eisenbahnen, Elektrizität, Automobile oder aktuell noch IT und Internet durchdringen nach und nach die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft und beeinflussen die Anreize und das Verhalten der Wirtschaftsakteure.

2. New Economy der Informationsgüter

Beschränkt man den Begriff N. E., wie nach dem Ausscheiden vieler Unternehmen in der N.-E.-Krise im Jahre 2001 oft üblich, auf die seit den 1990er Jahren volkswirtschaftlich bedeutsamer werdende Produktion und den Handel von „Informationsgütern“, so lassen sich auf den jeweiligen digitalen Einzelmärkten durchaus andere ökonomische Merkmale ausmachen als auf den traditionellen Märkten der „Old Economy“ (Matzler u. a. 2016: 28). Diese betreffen insb. den Handel mit elektronischen Büchern, Musik, Filmen oder die Besonderheiten von Software, Datenbanken, Mobilfunk und Internetseiten. Zentral ist dabei die charakteristische Eigenschaft von rein digitalen Angeboten, dass zwar die fixen Kosten für die Erstellung der „First Copy“ erheblich sind, die Zusatzkosten für die Erstellung weiterer Einheiten jedoch sehr niedrig. Mit zunehmender Bedeutung solcher digitaler Güter entwickelt sich nach und nach eine „Ökonomie mit Grenzkosten nahe null“ (Clement 2014).

Vergleicht man einige Verheißungen der frühen N.-E.-Phase mit den Realitäten heute, so zeigen sich v. a. drei Aspekte: Erstens erwies sich die anfängliche Vision einer weitgehenden Annäherung der Wettbewerbsbedingungen hin zu vollkommener Konkurrenz durch die Netzwerkbedingungen als unrealistisch, da auf internetbasierten elektronischen Märkten Marktmacht aufgrund von First-Mover-Vorteilen und Netzeffekten – je mehr Nutzer ein Anbieter hat, um so attraktiver wird das Angebot für andere – sowie daraus resultierender starker Stückkostendegression keineswegs automatisch verschwindet. Zweitens wurde die Euphorie eines erwarteten erhöhten Produktivitätswachstums bei zugl. krisenfreieren Konjunkturzyklen durch die Produktion und Nutzung von Internet und zugehöriger Hard- und Software zwischenzeitlich abgelöst durch eine zweite Weltwirtschaftskrise im Gefolge des Zusammenbruchs der Lehman Brothers Bank 2008. Die oft zunächst erwartete neue, krisenfreie Wirtschaft war eine Fehlprognose. Drittens erwies sich die während der Jahrhundertwende getroffene Hypothese, dass die N. E. in Deutschland zweitklassig ist und wohl auch bei zu wenig angepassten Rahmenbedingungen bleibt als weitgehend zutreffend, da die Digitalisierung hier aufgrund schlechterer Rahmenbedingungen dafür erheblich geringere Produktivitätsvorteile mit sich brachte als etwa in den USA oder Großbritannien.