Verteilung

1. Einkommensverteilung: Begriff und Erscheinungsbild

Die Frage der V. bezieht sich zumeist auf die Zeitraumgröße Einkommen. Man spricht dann von Einkommens-V. Bzgl. des Erscheinungsbildes wurden stilisierte Fakten formuliert.

a) Die Sekundär-V. als V. nach staatlichen Eingriffen durch Steuern und sozialpolitische Maßnahmen hat sich in den westlichen Ländern bei langfristiger Betrachtung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kaum geändert. Dies legt nahe, dass die die V. bestimmenden Verhaltensweisen sich v. a. am Nettoeinkommen ausrichten und sich die Brutto-V. entspr. einstellt.

b) Die Lohnquote, als Anteil der Unselbständigen am Volkseinkommen, weist im Konjunkturablauf (Konjunktur) ein typisches antizyklisches Muster auf, indem sie im Aufschwung ab- und im Abschwung zunimmt. Entspr. kommt es zu prozyklischen Bewegungen des Anteils der Selbständigen mit den Gewinneinkommen.

c) Die Häufigkeits-V. der auf Personen oder Haushalte bezogenen Einkommen weist eine ausgeprägte Rechtsschiefe auf, so dass das Maximum als häufigstes Einkommen (Modus) bei einem deutlich niedrigeren Einkommen liegt als der Median, der die V. in zwei Hälften mit je 50 % der Bezieher teilt und schließlich als das noch höhere arithmetische Mittel der Einkommen, welches somit kaum als repräsentativ anzusehen ist. Da diese Art der V. auch für die nach verschiedensten Kriterien gebildeten Untergruppen zutrifft, könnte hier ein Grund für die Annahme Vilfredo Paretos eines V.s-Gleichgewichts vorliegen. Wenn nämlich die Vorstellungen von einem normalen Einkommen anhand des häufigsten Einkommens, dem Modus, der unterhalb des Medians liegt, gebildet werden, fühlen sich mehr als 50 % der Einkommensempfänger besser als normal gestellt und halten verteilungspolitische Maßnahmen nicht für erforderlich.

2. Maße der Einkommensverteilung

Die Maße der Einkommens-V. beziehen sich meist auf die personelle Einkommens-V. und haben im Allgemeinen die Eigenschaft invariant gegenüber proportionalen Transformationen zu sein. Auf diese Weise bleiben sie unabhängig von Preisniveauentwicklungen (Konsumentenpreisindex) und Währungskursen (Wechselkurs) und machen so intertemporale und internationale Vergleiche möglich. Ein entsprechendes Maß ist der Variationskoeffizient, das Verhältnis von Standardabweichung und arithmetischem Mittel. Ein anderes Maß, welches der üblichen Schiefe der V. eher gerecht wird, ist die Standardabweichung der logarithmierten Einkommen. Der Gini-Koeffizient ist ein Maß, welches sich von der Lorenzkurve ableitet und die Fläche zwischen der tatsächlichen Lorenzkurve und der Geraden der Gleich-V. (der Diagonalen) ins Verhältnis zum Dreieck unter der Diagonalen setzt. Der Gini-Koeffizient stellt das gebräuchlichste V.s-Maß dar. Mit einem langfristigen Wert um 0,30 bildet Deutschland mit Österreich und den skandinavischen Staaten eine Gruppe unter den europäischen Ländern mit einem unterdurchschnittlichen Wert, was einer relativ gleichmäßigen Einkommens-V. entspricht.

3. Die Lohnquote

Die kurzfristige Entwicklung der Lohnquote (Lohn) wurde zeitweise auch als Indiz für Änderungen der V. herangezogen. Die Frage, ob die Lohnquote langfristig eine erklärungsbedürftige Konstanz aufweist, ist umstritten. Schließlich stehen die Einkommen der Unselbständigen (Bruttoarbeitseinkommen + Arbeitgeberanteil der Sozialversicherungsbeiträge) im Zähler und als größerer Teil auch im Nenner des Ausdrucks, womit es zu großen Schwankungen schon aus rein mathematischen Gründen nicht kommt. Ferner bleibt die Interpretation der unbereinigten Lohnquote problematisch. So war diese Lohnquote unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg relativ niedrig, weil die Verdienste vieler Beschäftigter in der Landwirtschaft und im Handel als Einkommen Selbständiger erfasst werden. Dies führte zur Entwicklung der bereinigten Lohnquote, der die Beschäftigungsstruktur eines gewählten Basisjahres zugrunde liegt und somit der Einkommensanteil der Unselbständigen, als ob sich die Beschäftigungsstruktur als Verhältnis der Zahlen von unselbständig und selbständig Beschäftigten nicht geändert hätte. So betrug die Lohnquote der Bundesrepublik für das Jahr 1950 58,4 %, während die zur Beschäftigtenstruktur von 1970 bereinigte Lohnquote mit 71,2 % angegeben wird. Da sich inzwischen die Beschäftigtenstruktur im Zeitablauf kaum mehr ändert, kommt der bereinigten Lohnquote nicht mehr bes. Bedeutung zu. Die Tatsache indessen, dass den Selbständigen (z. B. Landwirten, Ärzten und Rechtsanwälten) auch ein Arbeitseinkommen zuzuordnen ist, hat zur Entwicklung einer sogenannten ergänzten Lohnquote (Arbeitseinkommensquote) geführt, bei welcher den Selbständigen und deren mithelfenden Familienmitgliedern das durchschnittliche Arbeitseinkommen der Unselbständigen zugeordnet und als Arbeitseinkommen in der Lohnquote berücksichtigt wird.

4. Theorien der personellen Einkommensverteilung

Die typische Schiefe der V.s-Kurve führte zur Idee, die personelle Einkommens-V. als Ergebnis eines Zufallsprozesses aufzufassen. Robert Gibrat nahm an, dass der Zufallsprozess, der bei kleinen absoluten Abweichungen zu einer Normal-V. führt, bei der Einkommens-V. auf relative Abweichungen zu beziehen sei. So kam er dazu, dass der stochastische Prozess bei der Einkommens-V. zur Normal-V. der logarithmierten Einkommen zur Lognormal-V. (Gibrat-V.) führen müsse. Sowohl theoretisch als auch wirtschaftspolitisch bleibt die Auffassung einer sich ausschließlich durch einen Zufallsprozess ergebenden V. unbefriedigend.

Ein anderer Ansatz, der sich an der empirisch beobachteten Einkommens-V. orientiert, führte V. Pareto zur Pareto-V. mit der Formel: <$>N = c \cdot {y^{ – \alpha}}<$>. Dabei ist N die Zahl der Einkommensempfänger, die ein Einkommen von y und darüber erhalten. Das mit diesem Ansatz verbundene α erwies sich als V.s-Maß ungeeignet, die Formel selbst lässt sich jedoch theoretisch begründen. Sie ergibt sich immer, wenn eine geometrisch abnehmende Besetzung von Einkommensklassen sich mit einem geometrisch zunehmenden Einkommen der Klassen verbinden lässt. Eine solche Begründung haben Modelle verwendet, die einmal die Hierarchie oder zum anderen die Vermögensbildung als Ursache der Einkommens-V. zugrunde legten.

Eine andere Gruppe von Ansätzen stellt die Bildungsausgaben in den Mittelpunkt der Analyse. Im sogenannten Human Capital-Ansatz (Humankapital) werden diese Ausgaben einem Investitionskalkül entspr. in den Blickpunkt gerückt. Wird dabei das Einkommen einer individuellen Produktionsfunktion entspr. aus dem Zusammenwirken von Bildungsausgaben und Begabung erklärt, ergibt sich ein bildungspolitisch wichtiges Ergebnis. Eine allgemeine Steigerung der Bildungsausgaben erhöht im Vergleich die relative Knappheit der angeborenen Begabung und vergrößert die begabungsbedingten Einkommensdifferenzen entgegen der allgemeinen Erwartung einer gleichmäßigeren V. bei größerer Chancengleichheit (Chancengerechtigkeit, Chancengleichheit).

Die Argumentation mit der Scale of Operations betont, dass bes. Befähigte, z. B. Künstler, bei höheren Eintritten in größeren Räumen auftreten und über eine Vielzahl von Präsentationen in den Medien und auch über die Werbung bei geringen Qualitätsunterschieden vervielfachte Einkommen erzielen können. Dies gilt auch für Sportler und andere Prominente. Wichtig bleibt dabei, dass die Empfindlichkeit auf Qualifikationsunterschiede wesentlich wirkt. Hierbei spielt auch die gesellschaftliche Kommunikation eine Rolle, die zu einer Vereinheitlichung von Präferenzen führen kann. Kassierer in Banken tragen finanziell sehr hohe Verantwortung, aber im Vergleich zu Ärzten, Rechtsanwälten und Künstlern bleibt die Streuung ihrer Einkommen gering. Dabei spielen bei Letzteren, wenn ja oft Qualitätsunterschiede vom Laien nicht zu beurteilen sind, Prozesse der sozialen Kommunikation eine erhebliche Rolle.

Eine Entwicklung, die zu zunehmender Beschäftigung qualifizierter Frauen führt, bedingt eine Erhöhung der Nachfrage nach häuslichen Dienstleistungen, somit ein Anwachsen des Niedriglohnsektors und führt auf diese Weise zu einer zunehmenden Spreizung der Einkommen.

5. Theorien der funktionellen Einkommensverteilung

Bei diesen Theorien rückt die Bedeutung der Entlohnung verschiedener Produktionsfaktoren in den Blickpunkt. In der englischen Klassik (Klassische Nationalökonomie) hat sich speziell David Ricardo V.s-Fragen zugewandt. Er unterschied Profit, Rente (Pacht) und Arbeitseinkommen. Bei einem Anstieg der Löhne wurde angenommen, dass es dadurch zu einer Bevölkerungszunahme kommt und auf diese Weise durch Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt der Lohn wieder gedrückt wird. Da diese Bevölkerungsentwicklung nur zum Stillstand kommt, wenn sich wieder das Existenzminimum einstellt, bleibt der Lohn langfristig existenzminimal. Weil mit wachsender Bevölkerung immer schlechtere Böden bebaut werden müssen, erfolgt ein andauernder Anstieg der Pachten bei besseren Böden. Demzufolge verringert sich der Anteil der Gewinneinkommen, was langfristig zu einem Fall der Profitrate führen muss.

Auch Karl Marx (Marxismus) leitete einem tendenziellen Fall der Profitrate her, begründete diesen, da er nur zwei Einkommenskategorien unterschied, nämlich das variable Kapital v als Arbeitseinkommen und den Mehrwert m als Kapitaleinkommen, auf andere Weise. Bei konstanter Mehrwertrate m/v und wegen fortwährend kapitalintensiverer Produktion, die sich in einen Anstieg der „organischen Zusammensetzung des Gesamtkapitals“ (MEW 25: 222) c/v (c = konstantes Kapital = Ausgaben für Produktionsmittel) ausdrückt, sinkt langfristig der Anteil von m am eingesetzten Kapital c + v: <$>{m \over {c + v}} = \; {{m \over v} / {c \over v}} + 1<$>. Bzgl. der Arbeitseinkommen folgerte K. Marx auch einen existenzminimalen Lohn, begründete diesen jedoch durch die Konkurrenz von Arbeitern, die durch technischen Fortschritt freigesetzt wurden (Reservearmee).

Als Gegenentwurf zur Marxschen Theorie ist die mikroökonomische Grenzproduktivitätstheorie anzusehen. Danach betrachtet bei vollständiger Konkurrenz der einzelne Unternehmer Güter- und Faktorpreise als gegeben. Er fragt bei Produktionsfunktionen mit abnehmenden Grenzerträgen die Produktionsfaktoren in dem Umfang nach, bis der mit dem Güterpreis gewichtete Grenzertrag mit dem Faktorpreis übereinstimmt. Demzufolge bestimmen allein die durch die Produktionsfunktion technisch vorgegebenen Bedingungen die Faktorpreise. Diese Theorie führte zu einer ideologisch belasteten Kontroverse unter dem Titel „Macht oder ökonomisches Gesetz“ (Böhm-Bawerk: 1914). Schließlich stellen die Annahme der vollkommenen Konkurrenz und der individuellen Zurechenbarkeit des Ertrages sowie die Gestalt der Produktionsfunktion umstrittene Voraussetzungen dar.

Die makroökonomische Version der Grenzproduktivitätstheorie versuchte die Einkommensanteile der verschiedenen Faktoren entspr. über eine makroökonomische Produktionsfunktion als technisch bestimmt herzuleiten. Da sich allerdings ein produktionsfunktionsähnlicher, empirisch ermittelter gesamtwirtschaftlicher Zusammenhang nicht als technisch bestimmte Produktionsfunktion deuten lässt (Blümle 1998), entbehrt dieser Ansatz einer tragfähigen theoretischen Begründung. Dieser Versuch, die vermeintliche Konstanz einer Lohnquote rein technisch zu erklären, führte zur Entwicklung von Monopolgradtheorien, die die Annahme vollkommener Konkurrenz kritisierten, und zu Ansätzen, die die Nachfrageseite in den Mittelpunkt rückten.

6. Vermögensverteilung

Die Vermögens-V. ist im Allgemeinen wesentlich ungleicher als die Einkommens-V. So verfügten die 10 % Reichsten in Deutschland im Jahr 2012 über 57,5 % des gesamten Vermögens. Mit einem Gini-Koeffizienten von 0,78 des gesamten Nettovermögens für das Jahr 2012 weist Deutschland mit Österreich im Euroraum die größte Ungleichheit aus. Es ist dabei aber zu beachten, dass eine hohe Vermögenskonzentration ihre Ursache ganz wesentlich in der Sozialpolitik (Wohlfahrtsstaat) der Altersversorgung hat. So weisen auch die skandinavischen Länder niedrige Gini-Koeffizienten bei der Einkommens-V., aber hohe Gini-Werte der Vermögens-V. auf, weil die Vermögensbildung bei den unteren Einkommensklassen ganz wesentlich von der Gestaltung der Alterssicherungspolitik abhängt. Dies bleibt bei der Beurteilung der in vergleichbarer Höhe liegenden Werte für die Vermögens-V. der USA und des Vereinigten Königreichs zu berücksichtigen.

Die Vermögens-V. wird ungleicher bei hohem Zins und hoher Sparneigung, wobei beide Größen wegen besonderer Anlegemöglichkeiten mit der Einkommenshöhe wohl positiv korreliert sind. Eine allgemein steigende Lebenserwartung verlängert den Akkumulationszeitraum und würde die Vermögens-V. gleichmäßiger werden lassen, die zu erwartende positive Korrelation der Lebenserwartung mit dem Einkommen wirkt diesem Einfluss jedoch entgegen. Abnehmende Kinderzahlen in den Familien führen zu höheren Erbanteilen und begünstigen dadurch die Vermögenskonzentration. Ferner ist davon auszugehen, dass Praktiken der Steuervermeidung mit dem Einkommen positiv korreliert sind, was einer Vermögenskonzentration ebenfalls förderlich wirkt. In den Blickpunkt der Diskussion rückte die These von Thomas Piketty, dass langfristig die Kapitalrendite über der Wachstumsrate der Volkswirtschaft liege und damit die Vermögens- und Einkommenskonzentration zunehme. Diese These wird sowohl bzgl. der empirischen Basis als auch der theoretischen Grundlagen kontrovers diskutiert.