Umwelterziehung, Umweltbildung

Bildung für nachhaltige Entwicklung

Seit gut 50 Jahren werden national wie international über den Zusammenhang zwischen ökologischen Krisen und der Rolle von Erziehung und Bildung ausführliche theoretische Debatten geführt, mit konkreten Projekten in der Bildungspraxis experimentiert und immer wieder programmatische bildungspolitische Initiativen gestartet wie auch Forschungsaktivitäten entfaltet.

1. Entwicklung international

Spätestens seit 1970 steht Umwelterziehung (U.-Erziehung) auf der internationalen Tagesordnung. Ein wichtiger Meilenstein zu dieser Zeit ist die erste von der UNESCO 1977 veranstaltete weltweite Konferenz über U.-Erziehung in Tiflis gewesen. Diese Konferenz mit Vertretern aus allen Bildungsbereichen hatte entscheidenden Einfluss auf das Verständnis von U.-Erziehung. Sie wird dort als integraler Bestandteil von kontinuierlich stattfindenden Bildungsprozessen verstanden, die über die schulische Bildung hinaus lebenslang andauern. Als Ziele werden genannt: Bewusstsein wecken, Kenntnisse erwerben, Einstellungen und umweltgerechtes Verhalten vermitteln, Fähigkeiten aneignen und Mitwirkung ermöglichen.

In diesem Zeitraum hat zugl. eine weltweite Diskussion über die Bedrohungen und Gefährdungen der Lebensgrundlagen auf der Erde durch den Menschen selbst begonnen, nicht zuletzt ausgelöst durch den Bericht des Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ (Meadows u. a. 1972). Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass sich die Menschheit in einer Phase des weltweiten gesellschaftlichen Umbruchs befindet, die eine neue Qualität im Umgang mit Mensch-Umwelt-Verhältnissen, aber genauso mit der Gestaltung des globalen menschlichen Zusammenlebens verlangt. Nicht ohne Grund wird der Bildung wie auch der Politik eine bes. Bedeutung zuerkannt. Der Herausforderung umzudenken und umzusteuern wird Erziehung i. S. v. Anpassung oder Änderung von Verhaltensweisen nicht mehr gerecht. Angestrebt werden Bildungsprozesse, die die Verantwortung des Individuums und eigene Handlungsmöglichkeiten zum Umgang mit Umweltproblemen stärker in den Vordergrund rücken. Es werden Konzepte von Umweltbildung (U.-Bildung) für alle Bildungsbereiche entwickelt.

Ein Paradigmenwechsel wurde durch die internationale Diskussion um die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung ausgelöst, die als eine Herausforderung an alle gesellschaftlichen Handlungsebenen und Gruppen gesehen wird. Um sie konkretisieren und konsensfähig machen zu können, wird Bildung als Voraussetzung und integraler Bestandteil von Prozessen nachhaltiger Entwicklung gesehen, wie auf der Konferenz der UNO zu Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro (1992) in fast allen Kapiteln der dort verabschiedeten „Agenda 21“ als auch gesondert im Kapitel 36 festgehalten wurde. Dieses Dokument wurde in den nächsten Jahren zu einem wichtigen Bezugspunkt für bildungspolitische Initiativen, wissenschaftliche Forschung sowie Praxisprojekte zur konzeptionellen Entwicklung einer „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Zehn Jahre später wurde auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg die notwendige Verknüpfung von Bildung und nachhaltiger Entwicklung erneut bekräftigt und die Empfehlung an die UNO verabschiedet, eine Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ auszurufen.

Die UNO hat diese Empfehlung aufgegriffen und für den Zeitraum 2005–14 eine Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ beschlossen – als eine Plattform für internationale Verständigung über dieses Konzept und als Unterstützung für die Entwicklung nationaler Strukturen für die Implementierung von Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die UNESCO wurde mit der Durchführung der Dekade beauftragt. Das Ziel der Dekade bestand darin, durch Bildungsmaßnahmen zur Umsetzung der in Rio de Janeiro beschlossenen und in Johannesburg bekräftigten „Agenda 21“ beizutragen und die Prinzipien nachhaltiger Entwicklung weltweit in den nationalen Bildungssystemen zu verankern. Mit dem Beschluss zur Weltdekade wird anerkannt, dass nachhaltige Entwicklung ein langfristig angelegtes Lernprogramm ist.

Die Weltdekade hat dazu geführt, dass viele Regierungen, NGOs, Organisationen der UNO und auch Unternehmen zunehmend die Bedeutung von Lernen und den notwendigen Aufbau entspr.er Kapazitäten betonen, wenn sie nach Lösungen für Nachhaltigkeitsherausforderungen suchen. Die Weltdekade hat neben anderen die Erkenntnis mit sich gebracht, dass politischer Wille unerlässlich ist, um von politischen Verpflichtungen und Projekten zur konsequenten Umsetzung in den Lehrplänen und im Unterricht in formalen oder nicht-formalen Systemen oder in der öffentlichen Wahrnehmung zu gelangen. Gleichwohl war nach Abschluss der Weltdekade eine Verankerung von Bildung für nachhaltige Entwicklung im weltweiten Bildungssystem bei weitem nicht erreicht.

Auf dem Weltgipfel Rio+20 (2012) wurden die SDG (Nachhaltigkeitsziele) lanciert und ein Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2015–19) angeregt, die in den folgenden Jahren von der UNO auf den Weg gebracht wurden. Das Weltaktionsprogramm benennt fünf Handlungsfelder als zentrale Strategien zur Implementierung von Bildung für nachhaltige Entwicklung: politische Unterstützung, Transformation der Lernumwelt, Kapazitätsbildung von Lehrpersonen und Multiplikatoren, Mobilisierung der Jugend und Förderung nachhaltiger Lösungen auf lokaler Ebene. Das Programm trägt zudem strategisch zur Einlösung des SDG 4 bei, das (hochwertige) Bildung als integralen Bestandteil der im Herbst 2015 von der UNO verabschiedeten „Agenda 2030“ mit ihren 17 SDG sieht. Ab 2020 wird es durch das Folgeprogramm „ESD for 2030“ abgelöst, das wiederum durch die UNESCO koordiniert wird.

2. Entwicklung national

Auf nationaler Ebene wurde die Rolle von Bildung im Kontext nachhaltiger Entwicklung von den wissenschaftlichen Beratungsgremien der Bundesregierung, dem Rat von Sachverständigen für Umweltfragen und dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung: Globale Umweltveränderungen infolge der Rio-Konferenz aufgegriffen. Gemeinsames Merkmal dieser beiden Sachverständigengremien ist die Erkenntnis, dass Umweltprobleme auf der politischen Ebene nicht allein administrativ, technisch oder ökonomisch gelöst werden können. Vielmehr ist zugl. auf der Bildungsebene ein radikales Umdenken erforderlich, das die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt auf ein neues Fundament stellt. Der konzeptionelle Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung wurde durch ein wissenschaftliches Gutachten entfaltet, das zu einem ersten Modellversuch im Rahmen eines Bund-Länder-Vorhabens für Schulen führte.

Die Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ 2005–14 wurde auf nationaler Ebene durch ein Nationalkomitee von Experten aus Wissenschaft, Kultur und Medien, Politik und Verwaltung gesteuert. Zusätzlich konnte mit Hilfe des BMBF eine Unterstützungsstruktur geschaffen werden, die für die Auszeichnung von beispielhaften Bildungsprojekten, die Organisation eines Runden Tisches, die Begleitung von Arbeitsgruppen wie auch die Entwicklung und Fortschreibung eines Aktionsplans „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ zuständig war. In den folgenden Jahren wurde Bildung für nachhaltige Entwicklung für verschiedene Bildungsbereiche durch eine Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis konkretisiert und in weiteren Modellversuchen erprobt. Das Weltaktionsprogramm (2015–19) war auf nationaler Ebene Anlass, um einen nationalen Aktionsplan „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2017) zu erstellen. Eine Nationale Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung soll die Verbreitung und Verankerung von Bildung für nachhaltige Entwicklung in den verschiedenen Bildungsbereichen voranbringen. Fachforen für alle Bildungsbereiche mit Vertretern aus Bund, Ländern, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft haben prioritäre Handlungsfelder, konkrete Ziele sowie Empfehlungen für Maßnahmen, die zur Zielerreichung beitragen sollen, für die Bildungsbereiche frühkindliche Bildung (Früherziehung), Schule, berufliche Bildung, Hochschule, non-formales und informelles Lernen/Jugend und Kommunen ausgearbeitet.

3. Konzeptionelles Verständnis

Bildung für nachhaltige Entwicklung orientiert sich an dem Ziel, Menschen zu ermöglichen, in ihren persönlichen wie auch in gesellschaftlichen Handlungsfeldern an der Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung mitzuwirken. Dazu sollen komplexes Wissen hinsichtlich zukunftsrelevanter Fragen, nachhaltigkeitsrelevante Sichtweisen auf diese Fragen sowie Kompetenzen erworben werden, die den Menschen ermöglichen, die Zukunft schon heute verantwortlich mitzugestalten (Gestaltungskompetenz). Deshalb werden in Bildungsprozesse Erfahrungs- und Handlungsmöglichkeiten einbezogen, die selbst bereits ein Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung sind. Hiermit wird der konstruktivistischen Erkenntnis (Konstruktivismus) Rechnung getragen, dass Kompetenzen von Individuen nur durch Selbsttätigkeit in der eigenen Lebenswelt erworben werden können.

Bildung für nachhaltige Entwicklung hat sich zu einem eigenständigen und innovativen Bildungskonzept entwickelt. Es erhebt den Anspruch, nicht nur zur Verwirklichung der Vision einer nachhaltigen Entwicklung beitragen zu können, sondern auch individuelle Bildungsprozesse anzustoßen und zu fördern. Diese beiden Bildungsziele stehen in einem klassischen Spannungsfeld zueinander, die sich für Bildung für nachhaltige Entwicklung folgendermaßen charakterisieren lassen: Bildung als Instrument zur Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen (und damit der Versuch, gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen) v Befähigung von Individuen (und damit individuellen und persönlichen Zielen). Eine Position zielt darauf ab, Lernende davor zu schützen, politisch vereinnahmt zu werden, um bestimmte Ziele zu erreichen. Diese Position lehnt auch die Verwendung messbarer Indikatoren (z. B. nachhaltiger Konsum [ Konsumethik ] oder Energieverbrauch bei Schülern) als Kriterien zur Bestimmung der Wirksamkeit von Bildung ab. Die Gegenposition argumentiert, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung eben nicht auf eine Vermittlung von Nachhaltigkeitsstrategien zielt, sondern auf eine individuelle und gesellschaftliche Beteiligung an der Gestaltung des Nachhaltigkeitsprozesses und dafür Wissen und Kompetenzen ermöglicht. Zugl. wird dabei die normative Orientierung des Bildungskonzepts an den Werten einer nachhaltigen Entwicklung betont. Diese Positionen werden in internationalen Foren intensiv und kontrovers diskutiert. Fruchtbar bleibt in dieser Diskussion die Unterscheidung von ESD-1 und ESD-2. Danach soll Bildung für nachhaltige Entwicklung zweierlei erreichen: zum einen soll sie die Menschen in die Lage versetzen, spezifische und allg. einvernehmliche Veränderungen in Richtung nachhaltige Entwicklung (ESD-1) voranzutreiben. Zum anderen soll sie dazu ermutigen, allg. als gültig angesehene Positionen kritisch zu hinterfragen und dabei zu helfen, offene Fragen zu klären (ESD-2). Zu einer solchen Position gehören auch neuere Bemühungen, Schlüsselkompetenzen zu identifizieren, die über normative Positionen hinweg von allg.er Bedeutung sind, sowohl für den Einzelnen, der ein gutes Leben anstrebt, als auch für eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft.

Hinsichtlich der Lernziele und Lehrmethoden erfolgt Bildung für nachhaltige Entwicklung unter veränderten Perspektiven. So wird nicht mehr von einem Bedrohungs-, sondern von einem Modernisierungsszenario ausgegangen: Es werden nicht lediglich verschiedene Nachhaltigkeitsfragen oder Politikfelder problematisiert, sondern aktiv nach Möglichkeiten gesucht, diese durch Veränderung und Gestaltung anzugehen. Nachhaltige Entwicklung ist explizit ein normatives Konzept, das nicht beschreibt, wie die Welt ist, sondern wie sie sein sollte. In einer Bildung für nachhaltige Entwicklung geht es nicht darum, Werte i. S. v. Moralisierung zu vermitteln, als vielmehr darum, dass Lernende ihre eigenen Einstellungen und Werte hinterfragen können, indem sie diese vor dem Hintergrund der Idee der Nachhaltigkeit reflektieren. Bildung für nachhaltige Entwicklung zielt nicht auf die Vermittlung spezifischer Einstellungen und Verhaltensweisen ab. Vielmehr geht es um die Fähigkeit, Wissen über zentrale Handlungsfelder nachhaltiger Entwicklung anzuwenden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung zu erkennen, um daraus Schlussfolgerungen und Entscheidungen ableiten zu können. Bildung für nachhaltige Entwicklung zielt nicht darauf ab, die Lernenden dazu zu bewegen, vorher festgelegte Standpunkte oder Einstellungen einzunehmen. Eher geht es darum, die unterschiedlichen Positionen zu entdecken, die in der Diskussion um Nachhaltigkeit eine Rolle spielen, Voraussetzungen und Konsistenz zu untersuchen und demokratische Wege zur Lösung von Konflikten und Problemen zu erkunden. In dieser kritischen und kommunikativen Ausrichtung ist Bildung für nachhaltige Entwicklung auch als Ansatz für politische und staatsbürgerliche Bildung (Politische Bildung) zu verstehen. Schließlich besteht eine weitere Perspektive von Bildung für nachhaltige Entwicklung darin, dass Handeln nicht die natürliche Konsequenz des Erwerbs von Wissen, Einstellungen und Werten ist. Bildung für nachhaltige Entwicklung zielt darauf ab, Lernprozesse durch die eigenen Handlungserfahrungen der Lernenden anzuregen und damit die Losung „Vom Wissen zum Handeln“ umzukehren zur Maxime „Vom Handeln zum Wissen“.