Theologie der Religionen

Die T. d. R. bemüht sich um Einordnung, Verstehen und Bewertung der Vielfalt der Religionen aus Sicht der eigenen Religion. Ihre grundlegende Herausforderung besteht für einen katholisch-theologischen Zugang darin, zwei miteinander im Widerstreit liegende Intuitionen miteinander zu versöhnen. Auf der einen Seite geht es darum, andere Religionen bzw. zumindest ihre Anhängerinnen und Anhänger in ihrer Andersheit wertschätzen zu können, weil schon das christliche Gebot der Nächstenliebe eine würdigende Zuwendung zu allen Menschen erfordert und das Zweite Vatikanische Konzil zu einer Haltung der Hochachtung anderen Religionen gegenüber einlädt. Auf der anderen Seite darf diese Würdigung nicht dazu führen, den eigenen Geltungsanspruch (Geltung) aufzugeben. Denn schon der Wunsch nach universaler Anerkennung aller Menschen in ihrer jeweiligen Besonderheit verliert aus christlicher Sicht seine entscheidende Grundlage, wenn er nicht mehr durch die in Jesus Christus geoffenbarte unbedingte Menschenfreundlichkeit Gottes begründet wird. Im Zentrum der T. d. R. steht also das dogmatische Problem, wie christlicherseits ein Weg zu Wahrheit und Heil für Menschen anderer Religionen gedacht werden kann, ohne eigene Wahrheits- und Geltungsansprüche unzulässig zu relativieren.

Neben diesem Hauptproblem will die T. d. R. in praktischer Hinsicht zeigen, mit welcher Haltung man anderen Religionen begegnen sollte. Sie stellt die kriteriologische Frage, nach welchen Maßstäben wir andere Religionen beurteilen können, und will in hermeneutischer Hinsicht (Hermeneutik) klären, ob und wie sich andere Religionen überhaupt vom Standpunkt der je eigenen Religion aus richtig verstehen lassen. Schließlich geht es der T. d. R. in apologetischer Hinsicht um den Nachweis, dass sich die Religionen durch ihre Vielfalt nicht selbst widerlegen, sondern in kohärenter Weise gemeinsam würdigen lassen. Die Bearbeitung aller genannten Aspekte hat zentral damit zu tun, wie man das Verhältnis der eigenen Religionen zu den anderen im Blick auf die Wahrheitsfrage bestimmt. Hier haben sich drei verschiedene Modelle in der zeitgenössischen Diskussion etabliert.

Der Exklusivismus beharrt darauf, dass es Heil und Wahrheit nur im Christentum bzw. in der katholischen Kirche gibt. Er wird in der innerkatholischen Debatte seit dem Zweiten Vatikanum nicht mehr in dem umfassenden Sinne verstanden, dass es Wahrheit und Heil allein für Christinnen und Christen gibt. Gegen diesen v. a. im evangelikalen Christentum verbreiteten restrictive-access exclusivism wird im katholischen Kontext, aber auch evangelischerseits im Gefolge etwa George Arthur Lindbecks eine Form des Exklusivismus vertreten, der die Möglichkeit offenlässt, dass Nichtchristinnen und Nichtchristen das Heil erlangen (universal-access exclusivism). Dieser unentschiedene bzw. offene Exklusivismus würde lediglich vermeiden, nichtchristlichen Religionen eine positive Rolle bei der Rettung von Nichtchristen einzuräumen.

Im deutschsprachigen theologischen Kontext weiter verbreitet sind verschiedene Spielarten des Inklusivismus. Es ist in der Fachdiskussion umstritten, ob diese Position die Intention des Zweiten Vatikanischen Konzils besser trifft als der eben vorgestellte offene Exklusivismus. Inklusivistische Modelle wollen die anderen Religionen und Orientierungssysteme vom eigenen Denken aus würdigen und auch ihnen eine positive Rolle bei der Vermittlung von Heil und Wahrheit zuschreiben. Statt das Eigene als exklusiv nur mir gegeben zu betrachten, wird gesucht, ob es – ggf. in anderer Form – auch beim Anderen gegeben ist. Es geht also darum, den Anderen in die eigenen Wahrheits- und Heilsansprüche und in das eigene Denken hineinzunehmen. Zugleich ist mit dem Inklusivismus in seinen klassischen Versionen ein Superioritätsanspruch für die eigene Religion verbunden, der allerdings in neueren mutualen und hermeneutischen Versionen zurückgenommen wird. Ob solche hermeneutische Selbstrelativierungen noch innerhalb des katholischen Weltbildes möglich sind, ist umstritten.

Noch weiter bei der eigenen Selbstrelativierung geht die pluralistische T. d. R. Ihre Anhänger verteidigen die Position, dass alle großen Weltreligionen in etwa gleichem Maße Heil und Wahrheit vermitteln. Bisher ist es ihnen aber nicht gelungen zu zeigen, wie eine solche Auffassung ohne Relativismus in der Wahrheitsfrage möglich ist und wie sie mit der klassischen Gestalt der Christologie vermittelt werden kann. Auch ist immer wieder gefragt worden, ob nicht auch der Pluralismus auf kriterialer Ebene den Aporien des Inklusivismus verhaftet bleibt.

Daher haben sich in den letzten Jahren immer wieder neue Ansätze auf dem Themenfeld der T. d. R. entwickelt. Für eine katholische Rezeption bes. interessant ist hier der Zugang der Komparativen Theologie, der auf der religionstheologischen Metaebene für eine Urteilsenthaltung wirbt, zugl. aber Methoden entwickelt, um bei vielen Einzelproblemen zu interreligiösen Verständigungen zu kommen (Interreligiöser Dialog). Methodisch führt dieser Zugang zu vermehrten theologischen Kooperationen über Religionsgrenzen hinweg, die es erlauben, die T. d. R. so zu verstehen, dass bei dieser Disziplin nicht nur der genitivus subiectivus, sondern auch der genitivus obiectivus in den Blick genommen wird, d. h. es werden Theologien erkennbar, die die anderen Religionen nutzen, um eigene theologische Erkenntnisse zu gewinnen.